Familienaufstellung à l’americaine

Im Volkstheater wagte man Tony Kushners ausuferndes Familiendrama.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Die Irrwege und Spielarten der Liebe, Geld und das Gespenst des Todes sind die Eckpfeiler, zwischen denen der vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Autor Tony Kushner, der derzeit wohl der Entscheidung des Oscar-Komitees bezüglich der Nominierung für sein Drehbuch zu Spielbergs „Lincoln“-Film entgegenfiebert, das fragile Netz seines 2011 in New York uraufgeführten Familienstückes auslegt. Dessen Titel wird aus Platzgründen im Folgenden nur einmal Erwähnung finden: „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“. Rund um den italo-amerikanischen Familienpatriarchen Gus, ehemaliger Hafenarbeiter, kommunistischer Gewerkschafter und leidenschaftlicher Horaz-Übersetzer, gruppieren sich, alarmiert durch des Vaters Vorhaben, sein Brooklyner Backsteinhaus zu verkaufen und aus Angst vor drohender Demenz seinem Leben ein Ende zu bereiten, seine drei Kinder und deren bunter Anhang. Sie verhandeln im knapp dreistündigen Theaterabend ihre Vaterbeziehung, ihre Geschwisterrollen und ihr Liebesleben, sehr amerikanisch, mit einigen lässlichen Längen und harter Ironie. Elias Perrig, zuletzt Schauspieldirektor in Basel, hat sich für einen sehr genauen, seine Schauspieler zu präziser Dialogführung animierenden Zugang zu Kushners zeitweilig doch recht thesentrockenem Epos entschlossen. Ergebnis seiner Herangehensweise ist eine bemerkenswerte Ensembleleistung, in der doch jede einzelne Person ihre ganz eigene Kontur haben darf. Rund um „Gus“, Erich Schleyer, dessen konzentriertes und kraftvolles Spiel beeindruckt, leisten abseits der ebenso gut besetzten Nebenrollen, Claudia Sabitzer als Gus’ bisexuelle Tochter Empty, Hans Piesbergen, der dem zwischen dem Stricher Eli und seinem Mann Paul zerrissenen intellektuellen Ältesten Pill Gestalt verleiht, und Roman Schmelzer als gutmütig-naiver Nachzügler Vinnie, Außerordentliches.

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