Eltern an Belastbarkeitsgrenze

Schütteln, damit das Schreien ein Ende hat

Zwei Babys, die mit Schütteltrauma eingeliefert wurden: Die Fälle zeigen, dass immer mehr Eltern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen.

Von Brigitte Warenski

Innsbruck –Stundenlanges Schreien ohne Unterlass, Nächte ohne Schlaf, das Baby hat Bauchweh, will nicht essen: Wer selber Kinder hat, weiß, dass es Momente gibt, in denen man an die Grenzen der Belastbarkeit kommt.

Wenn Eltern es nicht schaffen, Auswege aus der Überforderung zu finden, kann sich die Wut auch gegen das eigene Neugeborene richten. Im schlimmsten Fall gerät die Situation außer Kontrolle, das Baby wird am Brustkorb gepackt und hin und her geschüttelt. So wie bei den beiden Babys, die vor Kurzem mit einem Schütteltrauma in die Innsbrucker Klinik eingeliefert wurden. Was genau die Gründe für die Misshandlungen waren, wird erst zu klären sein, aber emotionale Entgleisungen dieser Art sind kein Einzelfall. „Im Prinzip kann jeder in eine solche Überforderungssituation kommen, besonders wenn sich die Babys in der Schreiphase befinden“, sagt Klaus Kapelari, Leiter der Kinderschutzgruppe an der Innsbrucker Klinik. Finden die überforderten Eltern kein Ventil, Druck abzulassen und „neigen sie zudem zu impulsivem Verhalten“ ist die Gefahr größer, dass ein Kind misshandelt wird. Auch wenn die Taten schrecklich und unverzeihlich sind, können und dürfen die Eltern nicht als Monster hingestellt werden. „Vorsätzlichkeit muss nämlich nicht vorliegen“, erklärt Kapelari. Dass sich bereits die Hälfte der Eltern überfordert fühlt – wie eine aktuelle Studie des Innsbrucker Kriseninterventionszentrums (KIZ) zeigt – hat laut Kapelari mehrere Gründe. „Der wirtschaftliche und soziale Druck wird immer größer. Im Beruf wird immer mehr gefordert. Fast niemand kann es sich mehr leisten, dass ein Elternteil zu Hause bleibt“, erklärt Kapelari.

Dazu kommt, dass durch Krisen in der Beziehung der emotionale Stress schon von vornherein auf hohem Level ist. „Wenn man jede Stunde in der Nacht aufstehen muss, braucht es schon eine intakte Partnerschaft bzw. das Verständnis zwischen den Eltern, um die Belastung gut auszuhalten.“ Überforderung entsteht nicht auf einmal, baut sich vielmehr meist über lange Zeit auf und irgendwann sind die Sig­nale sehr deutlich: „Es müssen die Alarmglocken schrillen, wenn jemand dauernd gleich schimpft und unbeherrscht ist“, so Kapelari. Da die Überforderung dem Betroffenen oft selbst nicht bewusst wird, „liegt es am Partner, Möglichkeiten zu schaffen, damit der andere wieder durchschnaufen kann“. Findet man allein keinen Weg aus der Überforderungsspirale, „sollte man sich nicht scheuen, bei den diversen Gewaltschutzeinrichtungen, in der Schreiambulanz der Klinik oder im Kindergarten um Hilfe zu bitten“, rät Kapelari.

Der inzwischen pensionierte Innsbrucker Kinderradiologe Ingmar Gaßner, der schon vor Jahren in einer Studie gezeigt hatte, dass bei einem Schütteltrauma auch das Rückenmark betroffen ist, wünscht sich viel mehr Aufklärung: „Die Menschen wissen oft gar nicht, was sie mit dem Schütteln anrichten. Das Plakat ‚Bitte niemals schütteln‘ macht zwar auf die Folgen aufmerksam, aber viel zu wenig eindrücklich.“