Lawinengefahr bleibt hoch

Während die Einsatzkräfte am Ortler nach der Tragödie vom Montag verzweifelt nach einem vermissten Deutschen suchten, zieht man in Nordtirol eine erste Bilanz.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Marco Witting

Innsbruck –15 Meter. So hoch türmten sich die Schneemengen vor den Einsatzkräften auf. Für die Südtiroler Retter an der Vorderen Schöntaufspitze im Ortlergebiet eine schier unüberwindbare Hürde auf der Suche nach einem 32-jährigen Mann aus München, der nach dem Lawinendrama vom Ostermontag noch immer in den Schneemassen vermisst wird. Wie berichtet, starben bei der Tragödie zwei Italiener und ein Deutscher. Auch gestern verlief die Suche nach dem noch vermissten Deutschen erfolglos. Für ihn gibt es kaum noch Hoffnung.

Bis in die Abendstunden wurde in Südtirol auch am Dienstag Meter für Meter des gigantischen Kegels abgesucht. Zuletzt mit Pistenraupen. Die Suche gestaltete sich äußerst schwierig. Die herkömmlichen Sonden (vier bis sechs Meter) waren für die enorme Schneemenge zu kurz. Auch eine Handyortung brachte kein Ergebnis. Der 32-Jährige, dessen Angehörige laut Medienberichten mittlerweile in Sulden eingetroffen sind, hatte kein Lawinenverschüttetengerät (LVS) bei sich.

Wie es zu dem Unglück kam, ist noch völlig unklar. Zum Unglückszeitpunkt herrschte Stufe drei der fünfteiligen Skala. Heute Früh starten Männer des italienischen Militärs noch einen Suchanlauf. Das Wetter soll aber deutlich schlechter werden, wie Olaf Reinstadler von der Bergrettung Sulden erklärte.

In Nordtirol waren bisher im heurigen Winter zehn Lawinentote zu beklagen. Jeder einzelne Fall eine Tragödie. In der Gesamtschau für Rudi Mair vom Lawinenwarndienst des Landes Tirol ein „durchschnittlicher Winter“. Zum Vergleich: Im sehr schneereichen Winter des Vorjahrs gab es acht Todesopfer in Tirol.

TT-ePaper gratis lesen und Weber-Grill gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Aber „die Lawinengefahr ist noch nicht vorbei“, merkt Mair an und bemüht dafür die nähere Geschichte. „Vor vier Jahren hatten wir am 3. Mai noch sechs Lawinentote.“

Speziell in den höheren Lagen liegt derzeit noch sehr viel Schnee. „Über 2000 Meter herrschen Bedingungen wie im Februar“, sagt Mair. Die Situation werde sich nur entspannen, wenn das Wetter günstig bleibt.

Die Lawinensaison 2012/ 2013 brachte zwar keine extremen Schneehöhen wie im Jahr zuvor, doch die Bedingungen waren nicht minder gefährlich. „Heuer hatten wir fast durchgehend lockere Neuschneemengen und Windverfrachtungen.“ Zudem, so der Experte, gab es südlich des Alpenhauptkammes überdurchschnittlich viel Schnee.

Und noch ein Trend zeichnete sich ab. Unter den Lawinenopfern waren auch sehr erfahrene Tourengeher. „Die Erfahrung ist durchwegs trügerisch. Man kann sich an ein Schneebrett nicht hintasten. Entweder es hält oder es hält nicht“, sagt Mair. „Wenn man so schaut, ist fast die Hälfte der Menschen, die unter eine Lawine kommen, sehr erfahren. Über 80 Prozent sind Männer zwischen 30 und 45 Jahren.“

Positiv für Mair, die Unfallzahlen bleiben konstant. „Wir reden hier über eine Sportart, die einen echten Boom erlebt und in der viel mehr Menschen als früher unterwegs sind. Im Verhältnis passiert deshalb weniger als früher.“


Kommentieren


Schlagworte