„Als Familienvater steht man nicht unter Denkmalschutz“

Der altkatholische Pfarrer Meinrad Schumacher spricht über seine Erfahrungen mit Schubhäftlingen, sein Leben nach der Abkehr von der römisch-katholischen Kirche und neue Herausforderungen.

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Sie waren lange Zeit Jugendseelsorger, dann Dorfpfarrer und sind jetzt Seelsorger der altkatholischen Gemeinde Tirol. Seit 22 Jahren sind Sie auch als „Häfn-­­­ Pfarrer“ bekannt. Im Polizeianhaltezentrum kümmern Sie sich um Schubhäftlinge und Menschen, die eine Verwaltungsstrafe absitzen. Wie kam es zu diesem Engagement?

Meinrad Schumacher: Im Zuge der Rumänienkrise wurde ich von Jussuf Windischer ersucht, mit den Häftlingen Kontakt aufzunehmen. Als Pfarrer bekam ich dazu Gelegenheit und der Polizeiboss hat dann gesagt: „Bleiben Sie frisch da, wir haben eh keinen Pfarrer.“

Zuerst hat man Sie ja für einen Häftling gehalten ...

Schumacher: Ja. Wollen Sie eine Haftstrafe antreten, hat er gesagt. Aber das hat sich bald geklärt und jetzt bin ich dort fast daheim.

Wenn man sich um Schubhäftlinge kümmert, ist man mit vielen enttäuschten Hoffnungen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Schumacher: Das ist so wie in jeder Sozialarbeit, man muss die Türe hinter sich zumachen, man darf das nicht ins Privatleben mitnehmen, sonst macht man sich kaputt.

Was ist Ihr Ausgleich?

Schumacher: Es ist das Leben in der Familie, mit Bekannten und Hobbys wie Schwimmen, Radfahren, Malen, Schreiben und die Pflege meines Gartens in Obladis.

Was war die schlimmste Erfahrung mit den Schubhäftlingen?

Schumacher: Das waren Zeiten, wo Löffel verschluckt, Pulsadern aufgeschnitten und Zellen angezündet wurden und die Menschen in Hungerstreik traten.

Was war das schönste Erlebnis?

Schumacher: Natürlich die vielen guten Gespräche. Berührend war auch die Taufe einer Bosnierin. Eine schwangere Rumänin konnten wir einige Tage bei uns zuhause beherbergen. Besonders interessant war die Unterhaltung mit einem Imam aus dem Iran.

Hat es für die Schubhäftlinge in den vergangenen Jahren Verbesserungen gegeben?

Schumacher: Ja, es ist eine halboffene Abteilung eingerichtet worden mit offenen Zellen, Dusche, Telefon, Tischtennis und einem Fernsehraum.

Es wird oft von der mangelnden Solidarität gesprochen.

Schumacher: Ich bekomme viel Unterstützung. Manchmal stecken mir Leute auf der Straße Geld zu. Von Stadt und Land bekomme ich Subventionen, auch von der Kirche.

Warum sind Sie immer in der gleichen Kleidung unterwegs?

Schumacher: Ja, es ist praktisch. Mit der Knickerbocker kannst du Rad fahren, langlaufen, einfach alles machen. Ich weiß nicht, warum das aus der Mode gekommen ist, aber das wird schon wieder kommen. Derzeit muss ich ins Jägergeschäft gehen, wenn ich so eine Hose kaufe, die gibt es sonst nirgendwo mehr.

Haben Sie jemals in Ihrem Leben einen Anzug angehabt?

Schumacher: Ich habe schon einen Anzug für den Notfall, aber den tragen nur meine Buben.

Sie sind begeisterter Radfahrer. Was sagen Sie zum Radfahrverbot in der Maria-Theresien-Straße?

Schumacher: Wahrscheinlich hätte es da bessere Lösungen gegeben. Zum Beispiel, wenn man da gleich einen Fahrradstreifen gemacht hätte. Das Wegenetz in Innsbruck lässt noch viel zu wünschen übrig, aber in letzter Zeit hat sich schon einiges getan.

Sie waren römisch-katholischer Priester, bis Sie sich verliebt haben. Wie schwer war es, das aufzugeben?

Schumacher: Es war sicher eine schwere Entscheidung, aber meine Frau und ich wollten unsere Beziehung offen leben. Der Konfessionswechsel an sich ist mir nicht schwergefallen, denn römisch war ich nie – und katholisch bleibe ich.

Man hat den Eindruck, dass Pfarrer, die sich für die Frauen entscheiden, ihre Existenzgrundlage verlieren.

Schumacher: Es haben alle einen neuen Beruf gefunden. Mir hat Bischof Stecher mein Gehalt weiter gezahlt, bis wir Boden unter den Füßen hatten.

War es für Sie immer klar, dass Sie sich mit allen Konsequenzen für Ihre Frau entscheiden?

Schumacher: Es war ein langer, mühsamer Weg. Aber wir haben es geschafft. Viele haben uns unterstützt.

Ist es schwieriger, zölibatär oder mit einer Familie zu leben?

Schumacher: Leicht ist beides nicht. Der Zölibat hat seine Berechtigung. Etwa für Menschen wie Bischof Kräutler oder Pater Sporschill. Aber ein Gemeindepfarrer sollte das Leben seiner Gemeinde teilen. Als ich noch römisch-katholischer Priester war, hat ein vorlautes Mädchen zu mir gesagt: Du stehst unter Denkmalschutz! Das hört sich in einer Partnerschaft auf. Wir sind aneinander gewachsen, unsere Kinder haben uns eine ganz neue Sicht des Lebens gebracht – in der Schwangerschaft, bei der Geburt, beim Kinder-Wickeln, bei Krankheiten und Schulproblemen. Durch die vielen Freuden, die wir mit ihnen hatten, und natürlich auch mit den Sorgen. Unsere Ehe ist durch manche Krise gegangen, wir sind sehr verschiedene Charaktere und mussten lange suchen, bis wir einen gemeinsamen Weg gefunden haben. Unsere jetzige Partnerschaft ist eigenwillig: Wir wohnen und wirtschaften getrennt im selben Haus – und treffen uns, so oft uns der Sinn danach steht. Das ist spannend und macht glücklich.

Was ist der Unterschied zwischen der römisch-katholischen und der altkatholischen Kirche?

Schumacher: Ich sage immer: Wir sind „katholisch oben ohne“ – also ohne Vatikan. Dann ergibt sich: demokratische Verfassung, kein Zölibatzwang, Priesterweihe für Frauen, auch Chancen für Geschiedene.

Die Altkatholiken sind wesentlich liberaler?

Schumacher: Der Name ist unglückselig, der ist schon 1870 gewählt worden, man wollte zurückschauen auf die alte Kirche, die viel freier war.

Der neue Papst nennt sich Franziskus. Freut Sie das?

Schumacher: Den Papst als Sprecher der Christenheit würden wir Altkatholiken gern akzeptieren. Franziskus ist sympathisch durch seine Bescheidenheit. Dass er in Straßenschuhen geht und zwei Mädchen die Füße wäscht, ist eigentlich ganz normal. Dass er der Kirche den Weg zu den Armen weist, ist aber von allergrößter Bedeutung. Doch wird ihm die Kirche nur schwer folgen, da sie derzeit fußlahm ist. Reform tut not!

Sie sind Pensionist, aber beruflich noch vielseitig tätig.

Schumacher: Ja, ich bin seit dem Jahr 2000 in Pension, habe mich aber ehrenamtlich für 30 Wochenstunden verpflichtet. Ich bin sehr dankbar, dass ich gesund bin und in der Pensionszeit noch in meinem Beruf als Pfarrer tätig sein kann. Ein Ansporn ist mir auch ein Wort meines Heimatpfarrers Karl Ruepp im Saggen: Meinrad, schau auf deine Gesundheit, als Priester kann man erst richtig wirken, wenn man älter ist.

Wie hat er das gemeint?

Schumacher: Diesen Beruf kann man nicht studieren, man wird theologisch ausgebildet und spirituell geformt. Aber seelsorgliche Kompetenz gewinnt man erst durch Lebenserfahrung.

Was sagen Sie zur Zunahme des Atheismus?

Schumacher: Die eifrigen Atheismus-Befürworter sind meiner Ansicht nach philosophisch unbedarft und theologisch ahnungslos. Aber sie räumen den Dreck weg, den die Religionen angehäuft haben. Darunter, so hoffe ich, kommt der Humus zum Vorschein, auf dem wahre Religion wachsen kann. Viele Atheisten sind vorbildlich in ihrer Ethik und Lebenshaltung. Gefährlich ist der Alltagsatheismus, dem die Sinnfrage abhandengekommen ist.

Viele Menschen stellen sich die Frage, warum lässt Gott Leid zu? Gibt es darauf eine Antwort?

Schumacher: Darauf gibt es keine Antwort. Man kann nur glauben, dass „Geschichte gerettet bei Gott ankommt“ wie Karl Rahner gesagt hat. Ich glaube und hoffe es.


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