Das Sein ist kein Ringelspiel

Der Hutschenschleuderer Liliom macht in der Gestalt von Nicholas Ofczarek am Burgtheater Station: ein zwiespältiges und doch ergreifendes Unterfangen.

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Von Bernadette Lietzow

Wien – „Die wilde Fahrt der Dizzy Mouse schlängelt sich um enge Kurven, auf der Flucht vor der hungrigen Katz­e (…) Wer da ruhig bleibt, muss Nerven wie Drahtseile haben“, verkündet die Prater-Website zum wilden Gefährt, das seit der „Liliom“-Premiere vom Samstag seinen Platz auf der Bühne des Burgtheaters hat – und liefert damit unfreiwillig eine schöne Metapher für die Getriebenheit von Franz Molnárs titelgebender Hauptfigur. Nun hat sich Barbara Frey, Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, der 1909 uraufgeführten, erst in der wienerischen Übertragung durch Alfred Polgar erfolgreichen „Vorstadtlegende in 7 Bildern“ angenommen.

Sie schaut genau hin auf den hilflos gewalttätigen Schmerzensmann, oder, um im Praterjargon zu bleiben, auf den Watschen austeilenden Watschenmann Liliom und konzentriert sich auf die immer wieder abscheulich laute Feie­r der Sprachlosigkeit, die Molnár seinen Figuren zumutet. In der Welt, in der man am besten „auf jeden Schrecken ein Bier“ trinkt, sein Renommee zweideutigen Sprüchen und fadenscheinigen Komplimenten für Karussell­kundinnen und Amouren mit der Chefin verdankt, ist kein Platz für das Zulassen von Gefühlen. Es sind zwei Schiffbrüchige, die da übereinander stolpern und man ahnt die Unmöglichkeit einer großen Liebe, wenn Lilio­m und das blutjunge, schon so reife Dienstmädchen Julie sich wortlos und rau zusammen tun.

Es kann aber nicht gutgehen, arbeitslos und labil wird Liliom seine Frau schlagen, sich über die Schwangerschaft Julies freuen, es ihr jedoch nie sagen, und sie durch seinen Selbstmord nach einem missglückten Raubüberfall zur Witwe machen. Sein Versuch, auf der Stippvisite aus dem Jenseits bei Frau und inzwischen 16-jähriger Tochter Abbitte zu leisten, wird kläglich scheitern, auch das „rosarote“ Fegefeuer ist kein Ort, an dem Deklassierten wie Liliom Gnade zuteil wird: Er hat und wird nie erfahren von der Ernsthaftigkeit, mit der ihn Julie geliebt und erkannt hat. Nicholas Ofczarek ist der „Liliom“ dieser mit viel Applaus belohnten Inszenierung. Wer sonst, ist man angesichts von Ofczareks Erscheinung in Kombination mit seiner großen Beliebtheit versucht zu fragen.

Diese Gewissheit und der damit sicherlich verbunden­e Druck entpuppen sich zu Beginn des Abends auch als Hemmschuh, zu gewandt zieht Ofczarek sein Brutalo-Register, spielt mit seiner Körperlichkeit, den gefährlich tänzelnden Bewegungen, als dass die Abgründe der Person Liliom sichtbar würden. Dabei büßt das Zusammenwirken mit Katharina Lorenz, einer großen, ebenso zarten wie zähen Julie, oder Barbara Petritsch, ideal besetzt als Karussellbesitzerin Frau Muskat, einiges an jener Intensität ein.

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Und doch kann der Abend erfreuen, wenn Peter Matic im grau-beigen Himmels­büro (Bühne: Bettina Meyer) das Liliom’sche Selbstmord-Messer in die jenseitige Asservatenkammer schleudert, Ofczarek Lilioms Verzweiflung in der Begegnung mit seiner Tochter spüren oder Lorenz ihre Julie die unermessliche Liebe zum Toten bekennen lässt. Mavie Hörbiger ist eine etwas blasse Freundin Marie, dem von Molnár bewusst gesetzten weiblichen Gegenentwurf zu Julie, während Daniel Sträßer in seiner Zurückhaltung einen umso gefährlicher wirkenden Gauner Ficsur gibt. Alles in allem: ein heutiger, über weite Strecken gelungener „Liliom“.


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