Die Kultur des Mitdenkens

Mitarbeiterideen sind in den vielen Unternehmen gefragt. Meist sollen sie helfen, Kosten zu sparen. Aber modernes Ideenmanagement geht noch viel weiter und bringt noch viel mehr.

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Von Ernst Spreng

Innsbruck –Dass es seit fast acht Jahren im österreichischen Bundeskanzleramt ein eigenes Ideenmanagement für die Beamten gibt, mag manchen Beamtenwitz in unsere Erinnerung bringen. Ideenmanagement ist der neue Begriff für das betriebliche Vorschlagswesen, das wir seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Dimensionen in vielen Betrieben finden. Meistens ist der Sinn einer Börse für Mitarbeiterideen jener, dass diese dem Betrieb helfen, Kosten zu sparen bzw. Arbeitsprozesse zu beschleunigen. So auch im Bundeskanzleramt, das sich in den vergangenen Jahren damit mehrere Hunderttausend Euro an Verwaltungskosten gespart hat.

International sprechen wir von anderen Dimensionen, so zum Beispiel beim bekannten Reifenhersteller Continental. Continental-Beschäftigte an weltweit 126 Standorten haben 2011 mit rund 310.000 umgesetzten Ideen zu mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit des internationalen Automobilzulieferers beigetragen. Sie haben Einsparungen von mehr als 120 Millionen Euro ermöglicht. Ähnlich imposant sind die Zahlen hinter den Geistesblitzen der VW-Angestellten. Der Konzern ersparte sich allein im ersten Halbjahr 2012 rund 60 Millionen Euro durch die Ideen seiner Mitarbeiter.

Zwischen dem klassischen Vorschlagswesen und einer echten Kultur des Mitdenkens liegen allerdings ideologische Welten. Ideenmanagement orientiert sich nicht nur am Ziel, Kosten zu sparen, sondern will ein betriebliches Umfeld schaffen, in dem man gerne mitdenkt und sich einbringt. Auch wenn der Reifenhersteller Continental das Einsparungspotenzial betont, zielen viele umgesetzte Mitarbeiter-Ideen nicht darauf ab, die Kosten zu senken. „Fokus der Ideen ist nicht nur die Kosteneinsparung. Die Mitarbeiter-Ideen tragen auch zur Optimierung von Prozessen und Qualität sowie zu Verbesserungen im Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutz bei. Zudem stärken wir die Motivation und Identifikation mit unserem Unternehmen“, erklärt Matthias Nehrhoff, Leiter Corporate Idea Management, Continental. Dazu gehört bei dem weltweit tätigen Konzern ein offener Zugang zur Kreativität und zu ungewöhnlichen Ideen. „Das zählt bei uns zur Führungs- und Wertekultur im Unternehmen und ist der Erfolgsfaktor hinter dem Ideenmanagement“, bestätigt Elke Strathmann, Personalvorstand der Continental AG.

So ist es kein Wunder, dass eine Gallup-Umfrage bei österreichischen Unternehmen bereits 2008 dokumentierte, dass Mitarbeiter, die sich stark mit ihrem Unternehmen identifizieren, rund dreimal so viele Ideen einbringen wie jene, die von ihren Führungskräften nicht aktiv in Unternehmensprozesse eingebunden werden.

Neben einer offenen Unternehmenskultur bedarf es für Silvie Klein-Franke auch eines gewissen Freiraumes. Klein-Franke leitet am MCI Innsbruck den Fachbereich Personalmanagement. „Wann haben wir die besten Ideen?“, stellt Klein-Franke in den Raum. „Die meisten antworten: beim Duschen, beim Joggen oder beim Autofahren – also in stressarmen Zeiten“, beantwortet sich die MCI-Professorin ihre Frage selbst. Weniger Druck führt also bei den meisten zu mehr Freiraum für Geistesblitze. Klein-Franke ist überzeugt davon, dass Ideenmanagement nicht eine Frage der Betriebsgröße ist. „Selbst das Ein-Personen-Unternehmen mit einem Angestellten kann von dessen Ideen profitieren“, meint Klein-Franke. Mehr noch: „Ich bin davon überzeugt, dass man Ideenmanagement in jeder Betriebsgröße in Zukunft braucht.“ Denn in Zeiten leiser, dahinschwelender Krisen gebe es immer mehr so genannte „Extreme Events“. Darunter verstehen Wirtschaftsexperten extreme wirtschaftliche Situationen, bei denen wir von einer Minute auf die andere nicht wissen, was auf uns zukommt. Dann sind Innovationsmanagement und neue Lösungsansätze von kreativen Mitarbeitern noch mehr gefragt als sie es jetzt schon sind.


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