Ode an die Traurigkeit

James Blake zeigt mit seinem zweiten Album, auf welchem Weg sich die Popmusik befindet.

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Von Sabine Theiner

Innsbruck –Er gilt als der groß­e Denker, der dem Pop-Biz einen gehörigen Twist verpasst hat. Sein Debüt „James Blake“ hat 2011 die gesamt­e Musik-Gemeinschaft vom Hocker gerissen, weil man so abstrakte, geisterhafte Sounds, die trotzdem Herz und Seele haben, noch nie gehört hat. Blakes Musik ging geradewegs unter die Haut, so wie er mit entrücktem, leicht heulendem Gesang sein­e Klagelieder vortrug, die von traurigen Beats, zerhackten Rhythmen und hallenden Echos getragen wurden.

Auch „Overgrown“ hat mit Pop im Wortsinn nur wenig zu tun. Der Sound ist zu verschroben, intellektuell und postmodern. Er folgt keinem Gesetz. Blakes Akkorde tun, was sie wollen, der Takt ist auch nicht logisch, die Loops turnen wie entfesselt herum und die Synthesizer bauen weitläufige Klanglandschaften. James Blakes Sound wird als Dubstep bezeichnet, denn er wurzelt im Drum’n’Bass und Dub. Die Nähe zu diesen Musikstilen ist allgegenwärtig, in „Voyeur“ z. B. zeigt sie sich in einem nervösen, metallischen Hämmern, dem rüttelnden Bass und dem heulenden Synthesizer. Der Song scheint aber dennoch in sich selbst zu ruhen, denn die Songkomponenten sind gleichberechtigt und tragen sich gegenseitig. Es rennt zwar alles gegeneinander an, aber nichts kommt sich in die Quere. Die Single „Retrograde“ ist auch so ein verrückt abstraktes Stück, wie ein riesengroßer, leerer Saal. Es hallt, echot, floatet. Und wenn James Blake „Suddenly I’m hit“ singt, spürt man den Schlag fast selbst. Das langsam-melancholische „Our Love Comes Back“ ist in seiner kargen, schmerzvollen Schönheit nicht verzweifelt, weil durch diese trübseligen Kläng­e Hoffnung durchschimmert, Licht und Wärme. Das Stück ist optimistisch, obwohl Blake klingt wie Anthony „and the Johnsons“ Hegarty, der Mann mit dem wohl schwermütigsten Popmusik-Timbre.

Blakes Stücke, und darin liegt ihr Reiz, entziehen sich dem Hörer. Sie spielen mit seinen Erwartungen und Emotionen, gönnen ihm aber keine Identifikation. Zumindest nicht gleich. Erst nach intensiver Widmung kommt so etwas wie Vertrautheit ins Spiel. Merkwürdige Mechanismen werden hier geweckt.

Blake hat eine klassische Klavierausbildung absolviert, sich intensiv mit Tontechnik, Jazz, Klassik, Soul und UK Bass beschäftigt. Sein Gespür für Soundarchitektur kommt also nicht von ungefähr. Er ist ein Tüftler, ein Theoretiker, ein Ideenspinner. Aber einer mit viel Gefühl.

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