Nordkorea-Experte über Methode und Irrsinn von Kims Drohgebärden

Die Signale, die Pjöngjang dieser Tage aussendet, sorgen bei Verbündeten wie Feinden für tiefe Sorgenfalten. Der Wiener Ostasien-Experte Rüdiger Frank im Interview über Methode und Irrsinn im Konflikt.

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Berlin – Die Kriegsdrohungen aus Nordkorea werden immer schriller. Aber was will Machthaber Kim Jong Un damit erreichen? Rüdiger Frank, Ostasien-Experte an der Universität Wien, sieht hinter den Ausfällen des erst 30-jährigen Diktators ganz konkrete Ziele.

Steckt hinter den Drohungen von Kim Jong Un eine Strategie, oder ist das nur irrationales Säbelrasseln eines Diktators?

Rüdiger Frank: „Ich denke, da steckt schon eine gewisse Methode dahinter. Es ist einerseits eine Reaktion Nordkoreas auf etwas, das das Regime als Angriff auf seine Souveränität interpretiert. Dabei geht es insbesondere um die internationalen Sanktionen als Reaktion auf den nordkoreanischen Raketentest vom Dezember 2012. Danach hat sich das Ganze langsam hochgeschaukelt. Es gibt außerdem das Problem, dass ein neuer Führer an der Macht ist.

Er muss seine Macht konsolidieren, er muss an Profil gewinnen - insbesondere zu Hause, aber auch nach außen. Dann gibt es noch meine Vermutung, dass es um eine ideologische Absicherung möglicher Wirtschaftsreformen gehen könnte. Das Kreieren eines Kriegsszenarios und die damit verbundene Profilierung des Führers könnte hilfreich sein, um dem Risiko der Wirtschaftsreformen zu begegnen. Das ist aber eher spekulativ.“

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Wie weit kann Kim die Spirale der Kriegsrhetorik noch weiterdrehen?

Frank: „Nachdem das nun schon recht lange geht, denkt man eigentlich, dass kaum noch etwas Neues hinzukommen kann. Und dann wird man doch jeden Tag von etwas Neuem überrascht. Aber erfahrungsgemäß dauern solche Prozesse nicht ewig. Wenn eine der beiden Seiten klug genug ist, es irgendwann einmal dabei bewenden zu lassen, dann ebbt das Ganze ab. Nun laufen immer noch die Manöver von Südkorea und den USA. Es ist davon auszugehen - wenn es nicht zu einem Unfall kommt - dass wir tatsächlich demnächst ein Abebben dieser Spannungen erleben werden.“

Nutzt Kim das nordkoreanische Atomprogramm als Überlebensgarantie für sein Regime?

Frank: „Das ist ja nun wirklich ganz offensichtlich. Nordkorea bemüht sich schon seit den 50er und 60er Jahren um ein Atomprogramm - und das aus gutem Grund. Man wird es im Leben nicht aufgeben, sofern sich die Hintergründe nicht ändern, vor denen man dieses Programm überhaupt erworben hat. Und das ist nicht absehbar. Ich glaube, ein Ausstieg aus dem Atomprogramm ist sehr unrealistisch.“

Wie wahrscheinlich ist es, dass es zu einem Krieg kommt?

Frank: „Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einem gewollten und geplanten Krieg kommt. Aber auf dem Wege eines Unfalls oder einer Verkettung von Missverständnissen ist das leider auf keinen Fall auszuschließen. Das Risiko besteht.“

Das Gespräch führte Michael Fischer, dpa


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