Der Maler und sein Modell

Gilles Bourdos inszeniert in „Renoir“ die letzten Jahre des französischen Impressionisten Auguste Renoir als feinen Augenschmaus an der Côte d’Azur.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Peter Angerer

Innsbruck –Andrée (Christa Theret) träumt davon, einmal Schauspielerin zu werden. Vorläufig muss sie noch kleinere Brote backen. Daher stellt sie sich eher misstrauisch auf dem Landgut des Malerfürsten Auguste Renoir (Michel Bouquet) als Modell vor. Es war der letzte Liebesbeweis der eben verstorbenen Frau des Malers, diese Dorfschönheit für die Kunst und Renoirs Bett zu entdecken, wo bisher noch alle Modelle des Patrons, des Meisters, gelandet sind.

Stört es Sie, erkundigt sich das ungeübte Modell, wenn ich mich bewege? Wenn es mich stören würde, sagt Renoir, der dem Stillleben nicht abgeneigt ist, würde ich Äpfel malen. Damit ist alles über Renoirs Kunsttheorie gesagt. Die Äpfel werden gegessen, Andrée erhält fünf Francs für eine Sitzung. Das ist zu wenig, das Mädchen nimmt zehn. Das erheitert den alten Mann, der sonst nicht viel zu lachen hat, da ihn seit 30 Jahren eine schmerzhafte und falsch behandelte Arthritis quält, die Beine jeden Dienst verweigern und Köchin oder Dienstmädchen die Farben auf der Palett­e anrühren und ihm den Pinse­l in die verunstaltete Hand presse­n müssen.

Jeder Morgen beginnt mit einem Augenschmaus. Nach dem Frühstück tragen die Frauen den Maler in seinem Rollstuhl von der großbürgerlichen Villa an der Côte d’Azur durch einen Olivenhain zu seinem Atelier. Diese grotesk anmutenden Prozessionen sind allerdings keine Demonstrationen eines Herrschaftsverhältnisses, das Herr und Magd definiert, sondern Szenen einer tiefen Zärtlichkeit, die den Renoir-Haushalt prägt.

Der berühmte Impressionist sieht sich „als Arbeiter der Kunst“, der nie seine proletarischen Wurzeln verleugnen wollte. Der Sohn eines Schneiders begann seine Laufbahn mit dem Bemalen von Keramik. Durch die Industrialisierung arbeitslos geworden, wandte er sich der Malerei zu, doch „ich hätte es nicht bedauert, mein Leben mit Keramik zu verbringen“, sagt er in Gille­s Bourdos’ wunderbar leichtem Kinoporträt „Renoir“.

TT-Geburtstag: Jetzt eine von 76 Torten gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet automatisch.

1915 steht Jean (Vincent Rottiers), den die Frauen volle­r Entsetzen als Sohn des Meisters erkennen müssen, vor der Tür. Jean Renoir, kaum älter als 20 und gegen den Willen des Vaters Soldat geworden, kann sich nur mit Krücken bewegen. Wegen seiner Schusswunde im Bein wird er sein Leben lang hinken. Später taucht noch Jeans älterer Bruder Pierre auf. Dem bereits bekannten Schauspieler wurde ein Teil seines Armes weggeschossen. Einen Sommer lang lassen sich die drei behinderten Renoirs von den vielen Frauen auf dem Landgut in der Nähe von Nizza pflegen und am Ende werden von Andrée Weichen gestellt, die einen entscheidenden Einfluss auf die Kunst- und Filmgeschichte haben. Von Andrée lässt sich Renoir zu seinem finalen Meisterwerk „Die Badenden“ inspirieren, Jean begeistert sie für die Filmkunst. 1919, nach Renoirs Tod, heiratet Jean die Muse seines Vaters und verwandelt sie in Catherine Hessling. In Jean Renoirs ersten Stummfilmen imitiert sie amerikanische Filmstars, in den Meisterwerken des wichtigsten französischen Regisseurs („Die große Illusion“, „Die Spielregel“) ist sie nicht mehr dabei.


Kommentieren


Schlagworte