Überlebensgroßes Sehnen am Maschendraht
Gerd Kührs eindringliche Kammeroper „Stallerhof“ wurde nach der Premiere in den Kammerspielen stürmisch gefeiert.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –Die Mutter wiederholt stereotyp das fünfte Gebot, der Vater das sechste. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben. In umgekehrter Reihenfolge ergibt das den aktuellen Reibungspunkt auf dem Stallerhof: Tochter Beppi ist vom alternden Knecht schwanger. Religiöse Gesetze und gesellschaftliche Zwänge komplizieren das Leben der auch in ihrer Sprachlosigkeit eingekerkerten Stallers ins Unerträgliche. „Stallerhof“ steht für viele Ehen.
Opfer ist Beppi, die einzige Tochter der Stallers, ein wenig langsamer, kindlicher, versponnener als Gleichaltrige. Zurückgeblieben hinter den Erwartungen. Der Mangel an Zuwendung und Förderung verstärkt ihre Defizite. Ihre Liebe läuft ins Leere. Als sie unter Mutters Drohgebärden eine Ansichtskarte der Patentante lesen soll, verfängt sie sich in der Mundart. Allein liest das Kind flüssig und fehlerfrei.
Gerd Kühr hat Franz Xaver Kroetz’ Drama 1988 mit dem ihm eigenen kompositorischen Feinsinn beantwortet. Nicht in Klängen erstickt, nicht kommentiert, sondern koloriert und vertieft. Es ist eine Musik, die manchmal Handlungen und Reden begleitet, sie in Erinnerung behält, deren sensibel ausgehorchtes Ziel aber der semantische Unterbau ist. Ein Streichquintett, Bläser, darunter drei Arten Klarinetten, Harfe und Schlagwerk führen in die unterdrückten Emotionen des Stücks und erweitern es, subtil, aufwühlend, mit Chiffren farbig raffiniert abgemischt. Überlebensgroß ist die Sehnsucht in diesem Stück, durch Abstraktion ins zugleich Unermessliche und Auswegloseste gesteigert. Zarter Klang, geschärft.
Hansjörg Sofka als musikalischer Leiter und das fulminante Tiroler Ensemble für Neue Musik sind auf der Hinterbühne der Kammerspiele untergebracht: Blitzen hinter einem Vorhang, der in alpiner Landschaft Bäume und einen Felsen zeigt, hervor, faszinierend integrativer Teil der Natur – selbst Naturlaut.
Beppi, eine Schwester von Mitterers „Idiot“. Beide Opfer von Repressalien und Vernachlässigung, auch wenn sie – bis zum Verlust der sexuellen Unschuld – vorübergehend emotionalen Unterschlupf finden. Beppi allerdings wird vom Knecht geschwängert, den der Vater vom Hof prügelt. Und da setzt Kroetz unerwartet den „Lichtblick“: Im Ehebett sehnt sich der Staller nach einem zweiten Kind, „einem Bubn“, und die Mutter brachte es nicht über sich, Beppis Kind abzutreiben.
Das Stück ergänzen Bibeltexte, die ein Frauenterzett szenenüberleitend oratorisch singt: Eva Estermann, Maria Theresia Platter und Eva Schöler, Gesangsstudentinnen des Konservatoriums, geben einen starken Talentbeweis ab. Sophie Mitterhuber zeichnet ein zutiefst menschliches, berührendes Bild der Beppi, ihre Wahrhaftigkeit ist dafür entscheidend. Stark und verständniserweckend Wieland Satters Knecht Sepp, dezent und glaubwürdig in ihrer hilflosen Verkrustung die Stallers in Gestalt von Susanna von der Burg und Norbert Schmittberg.
Mit der Einzäunung des Stallerhofs ist Regisseur Johannes Reitmeier und Ausstatterin Anke Drewes ein kongeniales Bild gelungen, in den Maschendraht ihres Gefängnisses hängen die Figuren gleichsam ihr Sehnen. Reitmeier entzieht sich nicht den heiklen Szenen, wählt aber mildere Möglichkeiten der Drastik und damit auch voyeurfreie Wege des Verständnisses. Emotionale Gesten, wie sie auch der Komponist setzt, Blicke, Körpersprache, der Einsatz von Requisiten schaffen auf gleicher Höhe mit dem Stoff eine kommunikationsintensive Bühnenrealität. Das Publikum applaudierte lang.