Bedrohte Vielfalt im Vogelparadies
Rund 300 Vogelarten wurden in Tirol nachgewiesen, etwa die Hälfte brütet auch hier. Mensch und Klima bedrohen diese Vielfalt. Vogelexperte Reinhard Lentner findet aber auch Zeichen, dass Schutzmaßnahmen greifen.
Von Elke Ruß
Innsbruck –Entlang des Steiges zum Innufer in Kranebitten tönt es, als würde man zwei Steine aufeinanderschlagen. „Das ist der Ruf der Mönchsgrasmücke“, erklärt Reinhard Lentner, der Leiter des Referates Naturkunde im Land Tirol und Uni-Lehrer für alpine Ornithologie. Das Tier selbst allerdings versteckt sich in den Bäumen. Doch unten am Inn macht Lentner mit geübtem Blick durch sein Fernrohr rasch eine Bachstelze und einen Flußuferläufer aus.
„Die Bachstelze sucht nach Wasserinsekten. Der Flußuferläufer brütet auf den leicht bewachsenen Schotterbänken am Inn.“ Er hat dafür rund 5000 Kilometer aus dem Winterquartier südlich der Sahara zurückgelegt und ist „sehr störungsempfindlich. Das ist ein Grund, warum man solche Flächen freizuhalten versucht“, begründet der Experte, warum für Teile des Geländes ein mehrmonatiges Betretungsverbot gilt.
Lentner vergleicht die Auen mit einer Tankstelle – vor allem für Zugvögel: „In der Phase, wo noch Schnee liegt, ist das Wasser wärmer. Am Spülsaum, wo Wasser und Land zusammentreffen, werden Insektenlarven angeschwemmt. Auch Fische spielen natürlich eine Rolle.“
Allein auf dem kurzen Wegstück zwischen Kranebitter Hof und Innauen identifiziert der Vogelkundler etliche Arten wie Buchfink, Kohl- und Blaumeise, Amsel, Zaunkönig und Girlitz zunächst am Gesang. Die meisten spürt er dann aber auch mit dem Fernglas im noch zarten Laub der Bäume auf. Leichter geht das etwa beim rötlichen Gefieder des Buchfinks, das satte Gelbgrün des Girlitzes hingegen ist zwischen den frischen Blättern kaum auszumachen. Die Vielfalt so nah an der Straße überrascht, doch Ortsränder wie hier seien für viele Arten ideal, weil sie Sicherheit (und Brutstätten an Gebäuden) und Nahrung bieten, erläutert der Experte.
In Tirol sind etwa 300 Vogelarten bekannt, rund 150 brüten auch hier. Geschützt sind prinzipiell alle wildlebenden Vögel, wenn auch manche wie der Auer- und Birkhahn eingeschränkt bejagt werden. Oft sind es Eingriffe des Menschen – er verfolgte z. B. in der Vergangenheit den Bartgeier als Kindsmörder, obwohl dieser nur das Mark aus Aasknochen holt –, die dem Artenreichtum zusetzen, aber auch Veränderungen im Klima. Mangels Deckung zieht sich etwa das Alpenschneehuhn mit seinem weißen Winterkleid aus Gebieten zurück, in denen die Schneedecke schwindet. „Man nimmt an, dass sich in den nächsten Jahrzehnten fast die Hälfte seines Lebensraumes reduzieren wird“, sagt Lentner.
Er erkennt aber auch positive Entwicklungen: Vom Graureiher gebe es wieder 50 bis 60 Brutpaare im Land, auch der Schwarzmilan brüte wieder hier und eine Steinadlersichtung im Karwendel sei keine Seltenheit mehr. „Auch den Uhu, bei dem das menschliche Nachstellen die Hauptursache für den Rückgang war, sieht man jetzt wieder öfter. Das ist ein Zeichen dafür, dass Schutzmaßnahmen greifen.“
Das Wohl der Vögel gegen wirtschaftliche Interessen zu vertreten, ist selten spaßig. So machte sich Lentner mit der Sichtung von zwei Steinhühnern am Piz Val Gronda nur wenig Freunde.
Wie der Experte bedauert, sei Tirol aus vogelkundlicher Sicht auch noch wenig erforscht. Er verweist aber auf mehrere laufende Erhebungen im Land, darunter eine über Raufußhühner und eine Kartierung der Brutvögel im Naturpark Ötztaler Alpen. „Es ist aber schwer, das ganze Land abzudecken. Wenn man z. B. die Spechte kartieren wollte, müsste man im März wo hin, wo noch viel Schnee liegt.“
Vieles ist auch eine Geldfrage: Den Nachtvogelzug großer Schwärme – wichtig auch zur Feststellung der bevorzugten Flugrouten – könne man zwar anhand des Rauschens am Radar feststellen. Die geplanten Untersuchungen sind aber sehr kostspielig, daher werden Radargeräte der Schweizer Kollegen nur tageweise angemietet.
Einige Tirol-Besonderheiten sind aber bekannt: Am Ende der Martinswand ist der einzige bekannte Brutplatz des Alpenseglers in Tirol. Bei Silz/Haiming leben sogar die letzten Exemplare des bedrohten Ortolans (Gartenammer) in Österreich.
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