Giulio Andreotti – ein Politiker zwischen Himmel, Hölle und Mafia
Er führte ein Leben auf der politischen Achterbahn: Italiens siebenmaliger Premier Giulio Andreotti erlebte politische Höhenflüge und steile Abstürze. Am Montag verstarb er im Alter von 94 Jahren in Rom.
Von Micaela Taroni
Rom – Von den Machtzentralen in Rom auf die Anklagebank in Palermo: Wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker in Europa hat der am Montag verstorbene Ex-Regierungschef Giulio Andreotti politische Höhenflüge und steile Abstürze erlebt. Italiens siebenmaliger Premier und Senator auf Lebenszeit, der über 40 Jahre lang die Geschicke Italiens lenkte und die einflussreichsten Posten in der römischen Politik besetzte, hat nicht nur in 40 Jahren die politische Szene zutiefst geprägt: In den letzten Jahrzehnten wurde er auch immer wieder zum Symbol von Italiens korrupter Erster Republik (1948-1994) und deren enger Verstrickung mit der Mafia.
„Die Macht zehrt nur an jenen, die sie nicht haben“, lautet eines der bekanntesten Bonmots Andreottis, das wahrscheinlich auch das Rätsel seiner politischen Langlebigkeit erklärt. Der in Rom als Sohn eines Lehrers geborene Andreotti wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, 1940 legte er sein Jus-Examen ab und strebte einen Beruf als Journalist an. Den frühen Beginn seiner politischen Karriere verdankt er der Bekanntschaft mit seinem Mentor, Italiens langjährigem Regierungschef Alcide de Gasperi, der Andreottis Leben tiefgreifend prägte. Von Mitte der 1940er bis Anfang der 1990er Jahre zählte Andreotti zum Stammpersonal der italienischen Republik.
Steile Karriere
1944 trat er den Spitzengremien der Christdemokraten bei. Nach seinem Einzug ins Parlament im Jahr 1947 durchlief er fast alle Ministerposten. Mit 26 Jahren war er Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung, mit 28 Staatssekretär unter De Gasperi, mit 35 Innenminister. Nacheinander bekleidete er von da an die Ressorts Finanzen, Schatzamt, Industrie, Handel, Verteidigung, bis schließlich das Außenministerium zu seiner bevorzugten Domäne wurde.
Zwischen 1972 und 1992 war der Christdemokrat siebenmal Ministerpräsident. Außerdem war er 33 Mal Minister. Der streng katholische Andreotti, der für seine Bonmots und Leitsprüche für alle Lebenssituationen bekannt war, geriet 1978 nach der Entführung des damaligen christdemokratischen Parteichefs Aldo Moro durch ein Kommando der linksextremen Terrorgruppe Rote Brigaden stark in Bedrängnis.
Historischer Kompromiss
Moro war ein katholischer Politiker, der die Einbindung der Kommunistischen Partei (PCI) – damals die stärkste KP Europas – in die Regierungsverantwortung suchte. Das trug ihm viel Feindschaft im rechten Lager seiner eigenen Partei ein. Der damalige Regierungschef Andreotti wurde wiederholt beschuldigt, Verhandlungen mit den Roten Brigaden abgelehnt zu haben, um seinen christdemokratischen Parteifreund zu retten, mit dem er wegen des von Moro angestrebten „Historischen Kompromisses“ mit den Kommunisten in Konflikt war.
Erst nach Moros Tod zwei Monate nach dessen Entführung im März 1978 begann Andreotti, den Weg zu einem Dialog mit der PCI, einer Vorläuferin der sozialdemokratischen DP, zu ebnen. Jahre später (1993) wurde Andreotti beschuldigt, die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli am 20.3.1979 in Auftrag gegeben zu haben, weil dieser belastendes Material gegen ihn gesammelt hatte. Dabei ging es auch um den Mord an Moro, der als innenparteilicher Gegner Andreottis galt.
Der Politiker, der wegen seines krummen Rückens und seiner abstehenden Ohren eine beliebte Zielscheibe für Karikaturisten abgab, machte nie ein Hehl aus seinem politischen Ehrgeiz. 1991 wurde er wegen seiner Verdienste für die italienische Republik zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Seine letzte Regierung führte er 1992 an. Nach den Bombenanschlägen im Sommer 1992, bei denen die Anti-Mafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino ums Leben kamen, verabschiedete Andreotti strenge Gesetze zur Bekämpfung der Mafia. Von da an begann sein politischer Niedergang.
Verstrickungen mit der Mafia
Im April 1993 schockierte die Staatsanwaltschaft von Palermo die italienische Öffentlichkeit mit der Bekanntmachung, Ermittlungen wegen Mafia-Verbindungen gegen Andreotti eingeleitet zu haben. Wenige Monate später wurde er wegen Anstiftung zum Mord an dem unbequemen Journalisten Pecorelli in Perugia angeklagt. „Ich bete zu Gott, Er möge mich so lange am Leben lassen, damit ich das Ende dieser unglaublichen Prozesse erleben kann. Im Jenseits kann ich nur auf die göttliche Barmherzigkeit hoffen. In diesem Leben fordere ich aber Gerechtigkeit“, sagte Andreotti, der erstinstanzlich im Jahr 1999 sowohl vom Mordvorwurf als auch von der Beschuldigung der Mafia-Zugehörigkeit freigesprochen wurde.
Die Justizprobleme Andreottis waren damit jedoch nicht zu Ende. Das Berufungsgericht in Perugia verurteilte ihn in der Folge zu 24 Jahren Haft als Auftraggeber des Mordes an Pecorelli. Gegen die Verurteilung reichte Andreotti Einspruch beim Kassationsgericht ein, der letzten und dritten Instanz im italienischen Strafsystem, und wurde frei gesprochen. Im Dezember 2004 gingen Andreottis Justizprobleme endgültig zu Ende. Das Kassationsgericht sprach ihn frei, allerdings bestätigten die obersten Richter ein Urteil in zweiter Instanz, wonach die Vorwürfe wegen Zusammenarbeit mit einer kriminellen Vereinigung vor dem Jahr 1980 lediglich verjährt seien.
Seitdem war es ruhiger um Andreotti geworden, der jedoch als Senator auf Lebenszeit immer noch täglich im Parlament präsent war. Auch ein Film beschäftigte sich mit dem Politiker und sorgte für Aufregung. Der italienische Streifen „Il Divo“ von Regisseur Paolo Sorrentino über die auf satirische Weise dargestellte Regierungszeit Andreottis und dessen Mafia-Kontakte eroberte 2008 in Cannes den Preis der Jury. Andreotti ließ sich von dem bissigen Film nicht aus der Fassung bringen. „Es freut mich für den Filmproduzenten, ich würde mich aber noch mehr freuen, wenn man mir einen Prozentsatz an den Gewinnen gäbe“, kommentierte Andreotti.
Micaela Taroni ist Korrespondentin der APA.
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