Im Schlauchboot bis ans Ende der Welt
Eine Bootstour entlang der Küste Feuerlands führt rund ums Kap Hoorn zu possierlichen Pinguinen, tonnenschweren See-Elefanten und zu den letzten bewohnten Orten dieser Welt.
Von Jutta Lemcke (srt)
Punta Arenas –Schneekristalle tanzen durch die Luft. Sanft wie Federn legen sie sich auf die Moosmatten, bedecken die glänzenden Blätter der Coigue-Bäume und überziehen die Calafate-Sträucher mit einer weißen Decke. Glitzernd fallen die Kristalle vom Himmel und lassen sich auf den Felsmassiven der Insel Feuerland nieder. So wie seit Jahrmillionen. Sie türmen sich auf, Meter um Meter, und pressen den Schnee zu Eis, bis er so hart wird, dass er blau schimmert.
„Warum ist denn der Gletscher so blau“, fragt Paul aus Ohio, der mit seiner Schwimmweste aussieht wie ein orangefarbener Teddybär. Expeditionsführer Rodrigues lässt sich nicht anmerken, dass er diese Frage ungefähr so oft beantwortet hat, wie er Gästen beim Ein- und Aussteigen aus den Schlauchbooten geholfen hat. „Manche fragen auch mehrmals“, sagt er. „Aber ich beantworte die Frage immer wieder gerne: Der Gletscher leuchtet blau, weil nur die blaue Farbe des Lichtspektrums vom Eis reflektiert wird.“ Als ob der Pia-Gletscher diesen Worten Nachdruck verleihen möchte, kracht Sekunden später eine riesige Eisscholle von der Gletscherkante und stürzt grollend in den Fjord.
Aus 18 Nationen kommen die Gäste, die das Abenteuer Feuerland gebucht haben – eine fünftägige Schiffstour durch die Kanäle und Fjorde Patagoniens, von Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles, bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens. Fünf Tage zwischen dem Luxus an Bord der Via Australis und abenteuerlichen Exkursionen an die zerklüfteten Küsten Feuerlands. Fünf Tage inmitten einer faszinierenden Tierwelt mit Kolonien von possierlichen Pinguinen, tonnenschweren See-Elefanten, Delfinen, Walen und mächtigen Albatrossen, die das Schiff begleiten. Fünf Tage auf den Spuren der großen Entdecker, die vor 500 Jahren mit ihren hölzernen Karavellen das raue, windgepeitschte Meer befuhren, um einen Seeweg nach Indien zu finden und zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.
Was damals lebensgefährlich war, ist heute ein gut kalkulierbarer Spaß. Hightech-Kleidung, wasserfeste Trekkingschuhe und Plastikhüllen für die Kameras – die Gäste auf der Tour sind gut gerüstet. Und wenn Rodrigues die Schuhe für den Landgang nicht geeignet erscheinen, verordnet er kurzerhand den Gebrauch von Gummistiefeln aus dem Bordbestand. Auch wenn die Wellen sich meterhoch auftürmen und der Wind peitscht – an Land geht es immer mit Zodiacs, robusten Schlauchbooten, die Platz für zwölf Personen bieten.
Noch nicht lange ist es her, da glitten die Menschen hier noch anders durch die Kanäle. Statt im Zodiac saßen sie in hölzernen Kanus. Sie trugen weder Windstopper-Jacken noch Goretex-Westen – genau genommen waren sie fast nackt. Die Yamana-Indianer zogen im südlichen Feuerland von Bucht zu Bucht, schliefen in einfachen Hütten aus Zweigen und Ästen und gingen auf Seelöwenjagd. Sie kamen vor 12.000 Jahren über die Beringstraße nach Patagonien und trotzten am Ende der bewohnten Welt Jahrtausende lang der Kälte.
Auch wir wollen auf unserer Reise zum Ende der bewohnten Welt. Die Spannung an Bord steigt, die 100 Passagiere sind aufgeregt, denn heute ist der große Tag, das große Ereignis, das für viele der eigentliche Grund für diese Reise ist: der Besuch von Kap Hoorn. Den südlichsten Zipfel des Kontinents, dort wo Atlantik und Pazifik zusammenstoßen, umranken Legenden. Hier, so schätzt man, liegen rund 800 Schiffe begraben, die in den tosenden Wellen gescheitert sind und dabei wohl 10.000 Menschen mit in die Tiefe gerissen haben.
Nicht immer können die Zodiacs auf der Isla Hornos landen. Manchmal sind die Wellen so hoch, dass Kapitän Enrique Rauch den Gästen die Landung untersagt. Doch uns gelingt die Landung an diesem Tag. Auf der legendären Insel begrüßen uns zunächst zahlreiche Magellan-Pinguine: Sie wackeln in Scharen über das Gras und räkeln sich auf den sonnengewärmten Felsen.
Wenig später empfängt uns Miguel, Gesandter der chilenischen Marine, mit Handschlag. Er hat hier für ein Jahr seinen Traumjob gefunden: Zusammen mit seiner Ehefrau Catherine, dem sechsjährigen Matias und Schäferhund Antaris wacht er über die Insel und funkt nach Hilfe, wenn ein Segler mit gebrochenem Mast hilflos vor Kap Hoorn im Meer treibt. Doch außer seiner kleinen Wohnstätte gibt es hier nicht viel zu sehen: Ein Mahnmal, eine Gedenktafel, ein Leuchtturm und ein kleines Haus – das ist alles. Dahinter kommt nur noch die Drake-Passage und einige hundert Kilometer weiter dann die Antarktis.
Immerhin haben es die Gäste der Via Australis an diesem Tag geschafft, ihre Füße auf die Isla Hornos zu setzen. Und so halten sie am Ende stolz ihr Zertifikat, vom Kapitän höchstpersönlich signiert, in den Händen. Zufrieden sitzen sie am Nachmittag in den großen Ledersesseln der Schiffslounge und lassen die schneebedeckten Andengipfel an sich vorbeiziehen. Die eisigen Gletschergiganten fallen in die schiefergrauen Wellen, schieben sich über das Geröll oder stürzen steil ins Meer.
Als es dämmert, hängt wie bestellt der Mond silbern am Himmel. Eileen, die aus Australien nach Feuerland gekommen ist, läuft ans Fenster: „Da, seht mal, Delfine!“ Und tatsächlich: Neben uns gleiten ein halbes Dutzend Tiere mit eleganten Bewegungen durch das Wasser und verschwinden in der Dunkelheit. Dann beginnt es wieder zu schneien. Wieder legen sich Eiskristalle hoch oben auf die Gletscher. Wieder werden sie sich auftürmen, Meter um Meter, um Jahre später zu blau schimmerndem Eis zu erstarren.
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