In den Straßen der Geisterstadt
Zwei Jahre nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima gibt es einen Weg, die verstrahlte Sperrzone zu betreten. Nur virtuell mit Google Street View, aber bedrückend realistisch.
Von Matthias Christler
Namie –Tamotsu Baba schwärmt von seiner Heimat. „Wir sind sowohl mit der Nähe zum Meer und mit Bergen gesegnet, wir sind bekannt als ein Ort, wo man sowohl die Schönheit des Meeres als auch der Wälder erleben kann.“ Wo man sie erleben konnte. Kein Mensch spaziert den Strand entlang, die Bäume haben ihr Grün verloren. Schiffswracks stehen auf dem Land. Leere Straßen, eingestürzte Häuser. Nirgendwo ein Mensch.
Doch Tamotsu Baba, der Bürgermeister von Namie, schreibt in einem Internet-Blog bewusst nicht in der Vergangenheitsform. Seine Worte klingen wie eine Einladung, sich den völlig unbekannten Ort näher anzuschauen – mit Google Street View. Die Panoramabilder aus der Straßenperspektive dienen eigentlich perfekt als Nachschlagewerk vor einem Urlaub. Nichts leichter, als im Internet einen virtuellen Rundgang durch den potenziellen Urlaubsort zu machen. Schaut das Hotel tatsächlich so aus wie auf der Homepage? Ist die Umgebung so grün wie beschrieben? Wie weit ist es zum Strand? Nicht in Namie. Japan-Urlauber müssen noch viele, viele Jahre auf den Abstecher an den Küstenort 250 Kilometer nördlich von Tokio verzichten.
In Namie fuhr eines dieser Google-Autos mit seinen Panorama-Kameras und Fahrern in Schutzanzügen aus einer besonderen Motivation heraus durch die Straßen. 250 Kilometer nördlich von Tokio liegt nämlich etwas, das 2011 sehr wohl weltweite Berühmtheit erlangte: das Atomkraftwerk von Fukushima. Die 21.000-Einwohner-Stadt Namie wurde am 11. März 2011 von dem Erdbeben, der Tsunami-Welle und der ausgelösten Nuklear-Katastrophe schwer getroffen. 50 Menschen starben und 136 werden immer noch vermisst. Die gesamte Gemeinde musste evakuiert werden. Heute liegt der Ort verwaist in der verstrahlten Sperrzone.
Namie ist verlassen, soll aber nicht vergessen werden. Deshalb lud Bürgermeister Tamotsu Baba den Google-Konzern ein, die Stadt für seinen Street-View-Dienst zu fotografieren. Die Bilder seien eine Möglichkeit, dass die Ereignisse in Erinnerung bleiben. „Und viele der Vertriebenen wollen den aktuellen Zustand ihrer Stadt sehen, und es gibt sicherlich viele Menschen auf der ganzen Welt, die ein besseres Gefühl dafür bekommen wollen, welche Auswirkungen eine nukleare Katstrophe haben kann“, schreibt der Bürgermeister in dem Blog „Mirai e no Kioku“ (Erinnerung für die Zukunft). „Die Welt bewegt sich, sie richtet ihren Blick auf die Zukunft. Aber hier ist die Zeit angehalten.“
Der virtuelle Besuch ist kein Spaziergang. Bei der Wanderung durch die Stadt wartet hinter jeder Ecke ein bedrückender Anblick. Eine verdorrte, braune Vorstadt, platt gewalzt vom Tsunami. Eine zerstörte Volksschule. Eine Hauptstraße mit einst glanzvollen Laternen, die früher Jahr für Jahr beim Frühlingsfest den 10.000 Besuchern den Weg erleuchteten. Den Einwohnern bleibt die Erinnerung daran.
Und die Hoffnung. Vor wenigen Wochen teilte die Behörde die Sperrzone in drei Teile auf, für einige Bereiche soll es bald einen temporären Zugang geben. Das gilt nicht für Namie, bei dem die Dekontaminierung frühestens in 20 Jahren abgeschlossen sein könnte. Tamotsu Baba wird nach 2033 nicht mehr Bürgermeister sein, den Weg bis dahin gibt er dennoch vor. „Es kann viele Jahre dauern und viele Menschen müssen mithelfen, aber wir werden niemals aufgeben, um einmal in unsere Stadt zurückkehren zu können.“
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