Bühne

Tanz ums Marketing-Kalb

Franz Koglmanns „Join!“ als schwungvoll-ironischer Auftakt zu den Wiener Festwochen.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Das dicke Ende kommt im Epilog, wenn das weltweit agierende Unternehmen über die Chuzpe, seine Kritiker durch Einbeziehung gefügig zu machen, sich schlussendlich behaupten wird und alle in einem an das Letzte Abendmahl erinnernden Schlussbild vereint sein werden. Schade, wer schon vorher die Uraufführung von Franz Koglmanns „Join!“ verlassen hat. Eine kleine dramaturgische Finte – findet die Moral von der Geschicht’ ja schon nach dem anhaltenden Applaus für Sänger, Orchester, Regisseur und Komponist statt. Die Finte ist Programm an diesem Abend in der Halle E des Wiener Museumsquartiers, der streckenweise scheinbar harmlos komisch und musikalisch leichtgewichtig daherkommt. Koglmann, der bewusste Wanderer zwischen den musikalischen Genres und bekennende Skeptiker von allem, was unter „Neuer Musik“ firmiert, generiert seine musikalische Bebilderung des zeitgenössischen Kraken New Economy aus allen möglichen Melodietraditionen, von Klassik über Jazz, Rock bis hin zu kommerzieller U-Musik. Auf seinem Weg folgen ihm in dieser Koproduktion der Wiener Festwochen 2013 mit der Gruppe netzzeit auch das exzellente Ensemble die reihe. Die Geschichte von „Join!“, basierend auf dem Libretto des ehemaligen Spitzenmanagers Alfred Zellinger, kreist um die Anstrengungen, die Erfindung eines ins Gehirn zu implantierende Chips, der die ständige Online-Präsenz von Menschen ermöglichen soll, marktgängig zu machen.

Angeleitet vom CEO des Konzerns, sollen dessen Adlaten von der Verkaufsleiterin (Katja Reichert), dem Marketingleiter (Wolfgang Kratschmaier) bis zum Produktmanager (Max Niemeyer) den Boden zur Umsetzung dieses Markt- und Menschenbeherrschungswerkzeugs bereiten. Was im ersten Akt des mit Mitteln von Revue und Musical operierenden Werkes noch recht thesenhaft wirkt, ändert sich mit der „Kaffeepause“, die das Publikum durch einen Ortswechsel auf die Hinterseite der Bühne miteinbezieht. Das weitere Geschehen wird sich zwischen den Zuschauern abspielen, wobei die Spielhandlung mittels Livekamera auf von der Decke hängende ovale Bildschirme übertragen wird. Regisseur Michael Scheidl und die Bühnenbildnerin Nora Scheidl erzeugen damit eine dichte Atmosphäre, die die Verführbarkeit durch die Macht der Möglichkeiten der New Economy spürbar werden lässt. Zusammen mit der lustvollen Präzision des Sängerensembles entsteht so ein in weiten Teilen gelungener Abend, dessen musikalische Doppeldeutigkeiten die moralischen Untiefen der globalisierten Marktwirtschaft perfekt zu deuten verstehen.