Bühne

Castelluccis umstrittenes Jesus-Stück in Wien

In Paris erzürnte Castellucci mit seiner Performance katholische Fundamentalisten. Nun ist sein „Jesus“ in Wien zu sehen.

Wien – Romeo Castelluccis einstündige Performance „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“ („Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“) hat 2011 in Paris die Gemüter katholischer Fundamentalisten erregt, die wegen vermeintlicher Blasphemie zu Protesten aufriefen. Ab Samstag gastiert die Aufführung im Rahmen der Wiener Festwochen für drei Tage im Burgtheater.

Die Grundfrage lautet: Was ist skandalöser? Der Verfall des Menschen, der einen im Alter wieder zum hilflosen Kind werden lässt, das nichts von der Welt weiß und dem die Windeln gewechselt werden müssen? Oder die großformatige Abbildung von Gottes Sohn, der mit sanftem Blick den Menschen in seinem Leid betrachtet?

Während der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki die Aufführung anlässlich eines Gastspiels in der deutschen Hauptstadt „unanständig“ nannte, weil „das, was Menschen aus ihrem Glauben heraus wichtig und heilig ist, in dieser Weise durch den Dreck gezogen wird“, befand die „Berliner Zeitung“: „Im Grunde wäre es erste Pflicht der katholischen Würdenträger, diese im tiefsten Sinne christliche Performance zu besuchen.“

Der Stein des Anstoßes

Ein Stein des Anstoßes ist neben der übermächtigen Präsenz eines Jesus-Bildes wohl die Tatsache, dass am Ende gegen die stoische Hinnahme des offenbar unveränderlichen Leids - dargestellt durch den ständig wiederholten Versuch eines Mannes, seinem dementen Vater die Windeln zu wechseln - in einer Art Bildersturm rebelliert wird.

„In diesem Stück wird der Blick Jesu zum Scheinwerfer, der die Geschehnisse auf der Bühne in wechselhaftes Licht taucht. Das Licht könnte gut oder böse sein, anstößig oder unschuldig“, sagt Romeo Castellucci selbst. „Ich kenne mehr als tausend Maler, die die Hälfte ihres Lebens damit verbracht haben, das unaussprechliche, fast unsichtbare Leiden seiner Lippen zu reproduzieren. Jetzt ist er nicht mehr da.“