Zehn Jahre Gefangenschaft

Entführung in Ohio: Opfer waren offenbar mehrmals schwanger

Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight entkamen nach jahrelanger Gefangenschaft ihrem Peiniger. Noch ist offiziell nicht viel bekannt, doch das Martyrium, das die Frauen durchlitten haben müssen lässt sich ein wenig erahnen.

Cleveland – Als am Montagabend kurz vor 18 Uhr (Ortszeit) eine Polizeistreife vor einem Haus in der Seymour Avenue in Cleveland ankam, ahnten die Beamten wohl nicht, was sie dort entdecken würden: drei junge Frauen, die jahrelang vermisst, offensichtlich entführt und in dem heruntergekommenen Haus gefangen gehalten worden waren. Welchen Alptraum sie erlebt haben müssen, wissen bislang nur die Opfer selbst. Am Dienstagabend begann das FBI vorsichtig mit den ersten Befragungen. „Wir dürfen nicht vergessen, was für eine traumatische Erfahrung das für die jungen Frauen gewesen ist“ sagte zuvor Clevelands Bürgermeister Michael McGarth bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Verantwortlichen von Polizei und FBI. Ausführliche GEspräche wurden zunächst verschoben, um den drei die Zeit zu geben, sich wieder an ihre Familien und Freunde anzunähern.

Amanda und Gina sind wieder zuhause

Amanda Berry war vor fast genau zehn Jahren auf dem Heimweg von ihrem Job verschwunden – einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag. Ein Jahr zuvor wurde Michelle Knight als vermisst gemeldet. Sie war damals 21 Jahre alt. Die Familie und die Polizei gingen davon aus, dass sie nach einem Streit weggelaufen sei. Anfang April 2004 kam Gina DeJesus nicht mehr von der Schule nach Hause. Am Montag konnten nun die Angehörigen die so lange Gesuchten wieder in die Arme schließen. „Amanda, Gina und Michelle haben über das ganze Gesicht gestrahlt. Sie haben gut ausgesehen, dünner als auf den Bildern und mit großen Rehaugen“, berichtete eine FBI-Agentin der Clevelander Zeitung „The Plain Dealer“ von ihrem Treffen mit den Frauen im Krankenhaus. Dort waren sie nach ihrer Rettung untersucht worden, konnten am Dienstagmorgen aber wieder entlassen werden. Sie befänden sich nun an einem sicheren Ort, erklärten die Behörden. Amanda Berry kehrte am Mittwoch gegen 11.30 Uhr Ortszeit unter Begleitung von zahlreichen Polizei- und FBI-Beamten in das Haus ihrer Schwester Cleveland heim.

Der Lokalsender ABC Channel 5 News berichtete live von der Rückkehr der jungen Frau in den Kreis ihrer Familie. Eine Viertelstunde nach der Ankunft der 26-Jährigen kam ihre Schwester aus dem mit Ballons geschmückten Haus und sagte den zahlreich anwesenden Medienvertretern, dass Berry kein Statement abgeben wolle: „Wir sind glücklich, Amanda zu Hause zu haben. Wir brauchen beide Ruhe, um uns zu erholen. Wir schätzen, was die Medien für uns getan haben.“

Eine fehlte bei dem glücklichen Moment: die Mutter von Amanda. Sie hatte nie die Suche nach ihrer Tochter aufgegeben, selbst, als eine Wahrsagerin das Mädchen für tot erklärte. Doch irgendwann setzte das alles der Gesundheit von Louwana Miller zu: Sie starb 2006 an einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse, drei Jahre, nachdem Amanda verschwunden war. „Sie ist an einem gebrochenen Herzen gestorben“, sagte eine enge Freundin gegenüber der Presse.

Unter Jubelrufen von Nachbarn, Freunden und Bekannten wenige Stunden später auch Gina DeJesus nach Hause zurückgekehrt. „Gina, Gina“-Rufe wurden laut, als die junge Frau aus einem Auto in ihr Elternhaus gebracht wurde – das Gesicht mit der Kapuze einer Jacke verhüllt.

Frauen waren wohl mehrmals schwanger

Das Martyrium, das Amanda, Gina und Michelle rund ein Jahrzehnt über sich ergehen lassen mussten, lässt sich nur erahnen. Als Amanda Berry mit Hilfe von zwei Nachbarn aus dem Haus fliehen konnte, wurde sie von einem Mädchen begleitet. Die Kleine ist sechs Jahre alt und die Tochter der 27-Jährigen. Das bestätigten die Polizei und die Großmutter der Frau gegenüber News Channel 5. Der TV-Sender erfuhr aus nicht näher genannten Polizeikreisen, alle drei Frauen seien mehrmals schwanger gewesen. Eine der Frauen habe demnach zwei oder drei Fehlgeburten erlitten, weil sie unterernährt gewesen sei. Der Sender WKYC berichtet unter Berufung auf Ermittler, die Opfer seine während der Schwangerschaften geschlagen und missbraucht worden.

Gleich nach der Rettung der Frauen hatte es Berichte über mehrere Kinder in dem Haus gegeben. Die Polizei hat dazu aber keine Stellungnahme abgegeben. Einer der Nachbarn, der die Tür eintrat und Amanda so den Weg in die Freiheit ermöglichte, berichtete, die Kleider der jungen Frau seien schmutzig gewesen, ihre Zähne gelb und ihre Haare unordentlich. Das Kind sei sehr nervös gewesen, „als habe es noch nie etwas außerhalb des Hauses gesehen“, berichtet die „New York Times“.

Ketten und Seile im Haus gefunden

Die Lebensbedingungen in dem Haus seien „im besten Fall miserabel“ gewesen, wird ein Ermittler von der US-Zeitung zitiert. „Sie hatten keine Möglichkeit, das Gebäude zu verlassen oder Kontakt nach außen aufzunehmen. Sie hatten nur sich, das Kind und den Verdächtigen“, sagte der Beamte, der anonym bleiben wollte, der Zeitung. Im Haus fanden die Ermittler Ketten und Seile. „Wir können bestätigen, dass sie gefesselt wurden,“, sagte Polizeichef Michael McGrath am Mittwoch dem Sender NBC. Die Frauen seien nur selten aus dem Haus gelassen worden, meist nur kurz in den Garten.

Die Ermittler fanden auf dem Grundstück keine menschlichen Überreste, gab der Sicherheitsdirektor der Stadt online bekannt. Aufgewühlte Erde im Garten hatte die Spurensicherer alarmiert, doch offenbar wurden dort keine Leichen vergraben.

Hauptverdächtiger kannte die Familie DeJesus

Der mutmaßliche Hauptpeiniger der jungen Frauen ist Ariel Castro. Dem 52-Jährigen gehört das Haus in der Seymour Avenue. Er wurde am Montag auch dort festgenommen. Mit ihm sitzen seine beiden Brüder Onil (50) und Pedro (54) in Haft. Bis dato haben die drei Männer gegenüber der Polizei geschwiegen, berichten die US-Medien. „Wir sind sicher, dass wir die Verantwortlichen für diese abscheulichen Verbrechen gefasst haben“, hatte am Dienstag Ed Tomba, der stellvertretende Polizeichef von Cleveland gesagt. Bis zum frühen Mittwochabend haben die Justizbehörden Zeit, Anklage gegen die drei Verdächtigen zu erheben. Die Brüder werden von der Polizei befragt. „Sie reden mit uns“, sagte Grath.

Es sieht so aus, als habe Ariel zumindest die Familie eines seiner Opfer gut gekannt. Ein Onkel von Gina DeJesus erklärte gegenüber ABC News Channel 5, er habe mit dem 52-Jährigen über die letzten 20 Jahre in mehreren Bands gespielt. Freunde der Familie des Mädchens berichten zudem, Castro sei mit dem Vater der Vermissten befreundet gewesen, habe die Mutter bei einer Mahnwache getröstet und sogar bei der Suche nach dem Teenager geholfen.

Die letzte, die Gina vor ihrem Verschwinden gesehen haben soll, war ausgerechnet Arlene, die Tochter des nun Hauptverdächtigen. Sie wurde für eine Ausgabe der Fox-Sendung „America‘s Most Wanted“ im Jahr 2005 interviewt. Gemeinsam mit Gina sei sie damals von der Schule nach Hause gegangen. Ihre Wege trennten sich dann aber – und Gina tauchte nie wieder auf.

Auch der Sohn des 52-Jährigen hat sich mit dem Verschwinden von Amanda und Gina eng auseinandergesetzt. Während seiner Studienzeit verfasste Anthony im Juni 2004 einen Artikel in der Zeitung des Stadtviertels über die Suche nach dem vermissten Mädchen. Er sprach dafür auch mit Familienangehörigen. „Dass ich vor zehn Jahren darüber geschrieben habe und nun herausfinde, wie eng das mit meiner Familie zusammenhängt, macht mich sprachlos“, sagte der 31-Jährige gegenüber „The Plain Dealer“. „Ich schäme mich für meine Familie. Das ist ein Alptraum, ich fühle mich einfach nur schrecklich.“ Er habe nur unregelmäßig Kontakt zu seinem Vater, erklärte er auch gegenüber der englischen „Daily Mail“. Zuletzt habe er ihn vor zwei Wochen gesehen, sein Vater habe ihn nicht ins Haus gelassen. Außerdem sei es immer verschlossen gewesen. „Es waren Schlösser an den Türen zum Keller, zum Dachboden und an der Garage.“

Castro soll Ex-Partnerin verletzt haben

Auch wenn Nachbarn Ariel Castro als unauffälligen, freundlichen Mann beschreiben, scheint der 52-Jährige seine dunkle Seite schon früher gezeigt zu haben. „The Plain Dealer“ berichtet, während der Trennung von einer Partnerin habe es Streit um das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder gegeben. Der Frau sei zwei Mal die Nase gebrochen worden, sie habe gebrochene Rippen, einen ausgeschlagenen Zahn und ein Blutgerinnsel im Gehirn während Auseinandersetzungen erlitten. 2005 reichte sie eine Klage wegen häuslicher Gewalt bei Gericht ein. Polizeiakten dazu konnten bisher nicht gefunden werden. Der Anwalt der mittlerweile Verstorbenen habe zudem einen Antrag gestellt, wonach das Gericht „Castro davon abhalten soll, Todesdrohungen gegen seine Frau auszusprechen“. Die Ex-Partner hatte das alleinige Sorgerecht, Castro hatte kein Besuchsrecht. „Trotzdem entführt der Beklagte immer wieder die Töchter und hält sie von der Mutter fern“, zitiert der Lokale NBC-Ableger WKYC aus den Akten.

Bis vergangenen November arbeitete Ariel Castro als Schulbusfahrer. Dann wurde er aber gefeuert, weil er zum wiederholten Mal eine Abmahnung bekommen hatte, berichten US-Medien. Einmal habe er einen Schüler im Bus vergessen und sei Essen gegangen. Über die ebenfalls inhaftierten Brüder ist noch nicht viel bekannt geworden. Die Clevelander Zeitung berichtet, die 50 und 54 Jahre alten Männer hätten seit längerem nicht mehr gearbeitet. Sie würden zu viel trinken und seien nie verheiratet gewesen. (smo)

Berichterstattung in „The Plain Dealer“: http://www.cleveland.com/

Berichterstattun in der New York Times: http://www.nytimes.com/2013/05/08/us/cleveland-kidnapping.html?pagewanted=1&hp

Berichterstattung ABC News Channel 5: http://www.newsnet5.com/dpp/news/local_news/cleveland_metro/family-friend-kidnapping-suspect-ariel-castro-was-friends-with-gina-dejesus-father-helped-search

Berichterstattung NBC-WKYC: http://www.wkyc.com/news/article/298579/396/Investigator-Castro-accused-in-2005-of-beating-threatening-to-kill-woman?obref=obinsite