Tödlicher Wahlkampf
Bombenanschläge, Kriminalität, marode Infrastruktur, Arbeitslosigkeit, Frustration: Ein Lokalaugenschein in der pakistanischen Hafenmetropole Karatschi.
Von Ingo Hasewend
Karatschi –Der General schüttelt den Kopf. „Unmöglich“, sagt Faruk Sattar. In diesen Stadtteil von Karatschi kann er einen Europäer derzeit nicht bringen. Er fährt mit seiner Hand über den Stadtplan der pakistanischen Hafenmetropole und zeigt, wo es derzeit extrem gefährlich ist. Wie ein Feldherr in einer Schlacht umkreist der 54-Jährige die Gebiete an der Wand und wenn man alles zusammennimmt, bleibt nicht viel übrig.
Sattar ist kein echter Militär, sondern Wortführer der weltlichen Partei MQM und die hat in Karatschi ihr Machtzentrum. Eigentlich wollte man ihn ja begleiten in seinen Wahlkreis Lyari, denn Pakistan wählt am Samstag. Doch der Wahlkampf ähnelt einem Krieg. Täglich kommt es zu mehreren Anschlägen, Kandidaten wurden erschossen. Viele davon in Karatschi.
„Mehr als 35 Mitarbeiter wurden bereits getötet“, sagt die Parteivorsitzende Nasreen Jalil. Die MQM hat deshalb alle Kundgebungen abgesagt. Die Taliban unterstützen den Kampf der religiösen Parteien, indem sie die weltlichen Parteien und ihre Unterstützer mit einer Gewaltwelle überziehen. Über 100 Tote durch Anschläge gab es im Wahlkampf bereits.
„In dieser Stadt müssen sich zu viele zu wenig teilen“, sagt Sattar. Seine Partei hat in Karatschi seit Jahren eine enorme Machtfülle erworben. Dennoch konnte sie den Vormarsch der Taliban und auch der Mafia-Banden, die im Zusammenspiel mit den extremistischen Islamisten die Unterwelt der Stadt dominieren, nicht stoppen. Auch wenn sich in der Stadt drei Viertel der pakistanischen Wirtschaftskraft konzentriert, ist die Armut erdrückend und die Infrastruktur in einem erbärmlichen Zustand.
Die Zahl der Zuwanderer aus den ländlichen Gebieten, aber auch die Flüchtlinge aus Afghanistan haben die Stadt zum tödlichen Moloch gemacht. Ob sie 18 Millionen hat oder 25 Einwohner zählt, kann niemand genau sagen. Staatliche Strukturen sind zusammengebrochen – ein Phänomen, das für ganz Pakistan gilt.
Güter werden nicht mehr auf der Schiene transportiert, was zu kilometerlangen Staus auf den Straßen führt, der Strom ist oft nur acht Stunden eingeschaltet – eine Katastrophe für die Wirtschaft und auch für die Jugend. Denn Jobs sind selbst für gut ausgebildete Kräfte rar, obwohl das Potenzial riesig wäre: 60 Prozent der Pakistaner sind unter 30 Jahre jung.
Die Jungen haben sich frustriert abgewendet von den etablierten Parteien. „Ich wähle Imran Khan“, sagt Shaam Kazmi. Sie ist 26 und will der Kricket-Legende eine Chance geben. „Die Jugend will einen Wechsel“, erzählt die Studentin. Ihre Argumente sind die gleichen, die man auch in Lahore und Islamabad hört. Es sind Geschichten von enttäuschten Hoffnungen, von Politikern, die in die eigene Tasche wirtschaften, das Land verkommen lassen und sich der Justiz entziehen. Diese Missstände haben die Atommacht so marode und die einst blühende Handelsstadt Karatschi zu einem Zentrum der Mafia gemacht.
„180 Dollar ist ein hohes Einkommen“, sagt die Modemacherin Safinaz Muneer aus Karatschi. „Aber das reicht nicht einmal für die Stromrechnung.“ Bunte, exklusive Kleider in pakistanisch-westlichem Design hängen an den Wänden ihres Ladens im Nobelvorort Clifton. Es ist die Gegenwelt zu Lyari.
Ihre Arbeiter würden sie bis zu sechs Mal am Tag anrufen, weil sie bei alltäglichen Dingen nicht weiterkommen, sagt Muneer. Eine Polizeikontrolle etwa oder ein Krankenhausbesuch, bei dem ein Arbeiter einfach nicht behandelt wurde, bis sie interveniert habe. Die zierliche Frau ist gut vernetzt in der Politik. „Aber was ist, wenn ich einmal nicht erreichbar bin?“, fragt sie.
Der Frust über das etablierte System ist groß, auch Muneers überwiegend weibliche Mitarbeiter hoffen auf einen Wechsel. Tatsächlich ist das Rennen so offen wie lange nicht. Es ist ja auch das erste Mal in der 65-jährigen Geschichte des Landes, dass eine Regierung eine volle Legislaturperiode durchgehalten hat. Das ist der Hoffnungsschimmer. „Egal wer gewinnt, Hauptsache die Wahlen finden statt“, sagt der angesehene Fernsehjournalist Owais Tohid. „Das wäre schon ein Gewinn für die Demokratie.“
Ingo Hasewend ist stv. Ressortleiter für Außenpolitik bei der Kleinen Zeitung.
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