Balkonien mit Sperrgebiet
Weil sich Mieter und Hausbesitzerin nicht über die Kosten für eine Balkonerweiterung einigen können, ist der neue Teil tabu: Ein verplanktes Geländer zerschneidet das Paradies.
Von Elke Ruß
Innsbruck –Elf Meter Balkon mit Blick auf einen ruhigen Innenhof, von der Abendsonne beschienen. Dazu eine mietergeschützte 130-Quadratmeter-Wohnung im dritten Stock eines Altbaues im Innsbrucker Saggen. Das Heim von Brigitte und Klaus Tunner könnte ein Paradies sein – wäre da nicht der tägliche Blick auf den Sperrbezirk: Ein massives, verplanktes Geländer durchschneidet die Balkonfläche und trennt den alten vom neuen Teil.
Die Barrikade ist der sichtbare Ausdruck eines seit Monaten schwelenden Konfliktes mit der Hausbesitzerin. Der Streitpunkt sind die Kosten für die Balkonerweiterung. Wie die Tunners erzählen, sei im Sommer eine Mitteilung gekommen, dass alle Balkone im Haus verbreitert würden. Die anteiligen Kosten für die Nutzung wurden mit 12.000 Euro plus 20 Prozent Mehrwertsteuer angegeben – eine stattliche Summe für ein paar Quadratmeter Außenfläche.
Eigentlich, so finden die Tunners, müssten sie ja gar nichts zahlen, es gehe ja um keine notwendige Sanierung. „Wir haben dann 90 Euro brutto monatlich geboten, bis 12.000 Euro bezahlt sind“, erklärt Klaus Tunner. Daraufhin hätte Hausbesitzerin Katharina Russe-Wilflingseder allerdings „eine Erhöhung des Hauptmietzinses um 110 Euro“ verlangt. „Aber das wäre eine Änderung des Mietvertrages“ – und damit eine Aufweichung des Mieterschutzes, der sie niemals zustimmen könnten, betont Brigitte Tunner. Auch Mirko Handler vom Mieterschutzverband rät davon ab, eine Vereinbarung zu unterschreiben, die den Mietvertrag berührt.
Inzwischen spreche Russe nur noch von einer Darlehensvereinbarung, strittig seien aber Betrag und Zinshöhe. Vier Prozent seien zu viel, sagt Klaus Tunner nach Rückfrage bei der Bank. Vor allem aber kritisiert er, sie hätten noch keine Kostenbelege gesehen.
Das Ehepaar hat den Mieterschutzverband auch in einer anderen Frage befasst: „Seit Jahrzehnten zahlen wir Erhaltungs- und Verbesserungsbeiträge, haben aber nie eine Abrechnung gesehen.“ Mit diesem Punkt gehe man jetzt zur Schlichtungsstelle, bestätigt Handler.
Namens der Hausbesitzerin stellt Tochter Barbara Egger-Russe, Juristin und Bewohnerin des Hauses, den Fall ganz anders dar: „Es ging nie um eine Mietvertragsänderung, so naiv ist meine Mutter nicht! Wenn, dann hätte man den Zins erhöht, es hätte eine Ergänzung gegeben – aber nur hinsichtlich dieses Teils.“
Egger-Russe betont, die Tunners hätten anfangs erklärt, die Erweiterung nicht nutzen zu wollen. Erst kurz vor dem Baustart hätten sie umgeschwenkt, weshalb sogar eine bessere Ausführung gewählt worden sei. Dann aber habe man sich über die Nutzungskosten nicht einigen können, so kam es zur Abtrennung. „Wir haben gedacht, damit ist das erledigt.“
Die hohen Baukosten begründet Egger-Russe mit statischen Erfordernissen und einem Kraneinsatz, um Teile über das Dach zu hieven. „Wir mussten auch einen Steiger anmieten. Die Familie Tunner wollte ja nicht, dass Arbeiter durch ihre Küche gehen. So ein Steiger kostet über 500 Euro am Tag.“ Sie wisse, „dass es viel Geld ist – ich muss das ja auch zahlen“. Die anderen Mieter im Haus hätten 100 Euro mehr im Monat für mehr Balkonfläche akzeptiert. Die Tunners würden „seit Herbst drei Quadratmeter mehr nutzen, ohne etwas zu zahlen“. Der alte Balkonteil sei nämlich um 20 Zentimeter breiter geworden.
Zur Frage der Belege meint sie: „Wenn man sich einigt über die Parameter, wird meine Mutter die Rechnungen sicher heraussuchen.“
Die Stimmung ist belastet: Als mitten im Balkon das alte Geländer mit (heute verbotenen) Querstreben, aber ohne die von den Tunners einst angebrachte Sicherung stehen blieb, holten sie die Baupolizei. Diese verlangte ein neues Geländer. Und weil die Tunners wegen der Stahlträger für den Balkon im 4. Stock eine Wäschetrocknungsvorrichtung abbauen mussten, hängen sie ihre Wäsche jetzt ins Sperrgebiet. Das wiederum ärgert die Hausbesitzerin.
Für Egger-Russe sind klar die Mieter am Zug. „Wir warten auf ihre Vorstellungen.“ Diese beteuern: „Wir haben angeboten, dass man sich in der Mitte trifft, damit wieder Frieden herrscht. Wir sind ohnehin die letzte Generation im Mieterschutz hier. Unsere Söhne leben woanders.“
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