Gesellschaft

Die zwei Leben des Ariel Castro

Nach Tod des Vaters lebte Ariel Castro abschottet von Verwandtschaft. Er war Bassist in einer Latin-Band und arbeitete als Busfahrer.

Cleveland – In seinem Garten bastelte er an Autos, in seinem Haus hielt er drei Frauen gefangen: Der Hauptverdächtige im Entführungsfall von Cleveland, Ariel Castro, führte offenbar mehr als zehn Jahre lang ein Doppelleben. Weder Nachbarn noch Angehörige bemerkten, was in seinem zweistöckigen, weißen Haus in der Seymour Avenue vor sich ging. Sein Onkel Julio Castro sagte dem spanischen Programm von CNN: „Vielleicht war er die Art Mensch, die ein Doppelleben führte.“

Der 52-Jährige stammt aus einer Großfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Puerto Rico in die USA einwanderte. Die Familie ließ sich in Cleveland im Bundesstaat Ohio nieder - damals war die Stadt noch eine florierende Industriemetropole. Ariel Castros inzwischen verstorbener Vater Nona hatte einen Abstellplatz für Gebrauchtwagen. Sein Onkel Julio, 78, führt einen Lebensmittelladen und ist in der hispanischen Gemeinde Clevelands gut bekannt.

In der Nachbarschaft hatte Ariel Castro einen insgesamt guten Ruf. „Ich hab mit diesem Typen gegrillt“, berichtete Nachbar Charles Ramsey, der Castros mutmaßlichen Entführungsopfern bei der Flucht half. Auch habe er Castro im Garten mit seinen Hunden spielen und an Autos und Motorrädern herumschrauben gesehen, sagte Ramsey.

Zu Castros Leidenschaften zählt Musik. 15 Jahre lang spielte er Bass in der Latin-Band Grupo Kanon. Doch beim Chef der Gruppe, Ivan Ruiz, wuchsen die Bedenken. „Er war komisch“, sagte Ruiz der Tageszeitung „Cleveland Plain Dealer“. Der Bassist sei immer unzuverlässiger geworden. „Es war, als könne er sein Haus nicht verlassen.“ Im vergangenen Jahr habe er Castro aus der Band geworfen.

Auch der Onkel, Julio Castro, erinnert sich an eine Verhaltensänderung. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2004 habe sich Ariel von der Verwandtschaft abgeschottet. In diesem Jahr wurde Gina DeJesus entführt. Bereits ein Jahr zuvor war Amanda Berry verschwunden, ein weiteres Jahr davor Michelle Knight. Alle drei Frauen sowie Berrys sechsjährige Tochter wurden Anfang der Woche aus Castros Haus befreit.

22 Jahre lang war Ariel Castro als Busfahrer tätig, wurde im November 2012 aber gefeuert. Grund für den Rauswurf war laut den Schulakten, dass Castro den Bus stehen ließ und nach Hause ging, „um sich auszuruhen“. Schon zuvor war Castro unangenehm aufgefallen. Unter anderem ließ er ein behindertes Kind allein im Bus, während er sich einen Hamburger kaufte.

Schwierigkeiten hatte Castro nicht nur im Beruf, sondern auch in der Familie. Seine Ex-Frau warf ihm 2005 in einer Anzeige vor, er habe die gemeinsamen Töchter „häufig entführt“ und von der Mutter ferngehalten. Zudem sind in den Akten zahlreiche Verletzungen der Ex-Frau vermerkt, darunter zwei Nasenfrakturen und gebrochene Rippen. Zur Anklage kam es aber nicht. Der Sohn des Paares sagte der britischen Tageszeitung „Daily News“, seine Mutter habe Castro 1996 nach Jahren der Gewalt verlassen.

Ariel Castros Cousine Maria Castro Montres zeigte sich über die mutmaßlich von ihrem Vetter begangenen Taten entsetzt. „Wer so etwas tut, ist ein Psychopath“, sagte sie AFP. „Wenn eines unserer Familienmitglieder das getan hat, muss es dafür bezahlen.“ (APA/AFP)