Professionelle Anleitung zum Sündigen
Patricia Kopatchinskaja gab am Innsbrucker Konservatorium exklusive Geigenstunden.
Innsbruck –„Bist du bereit zu sündigen?“ Mit einer solchen Einstiegsfrage hatte wohl niemand gerechnet. Was, bitte schön, soll die Bereitschaft zur Sünde mit gutem Geigenspiel zu tun haben? Alles. Jedenfalls wenn es nach Patricia Kopatchinskaja geht. Und sie muss es wissen, schließlich zählt die 35-Jährige zu den herausragenden Violinistinnen ihrer Generation.
Am Innsbrucker Konservatorium erteilte Kopatchinskaja am Freitag drei Nachwuchsmusikern öffentliche Geigenstunden. Professionelle Anleitungen zum Sündigen sozusagen, denn Kopatchinskaja vertritt die Ansicht, dass man auch als junger Musiker den Respekt vor den Stücken, die man spielen will, ablegen muss. „Du hast die Technik gelernt und auch bewiesen, dass du Partitur studiert hast“, erklärt sie der 17-jährigen Innsbruckerin Valerie, die Saint-Saëns „Introduction et Rondo Capriccioso“ zum Besten gab. Aber es gebe nicht nur Töne, die man beherrschen kann, sondern auch das, was sich mittels Noten nicht ausdrücken lässt. Gerade der Raum zwischen den Tönen sei wichtig. Dort kann man auch anspruchsvolle Stücke für sich erobern – sie mit Leben füllen.
Neben Valerie kamen noch der 16-jährige Florian, der Saint-Saëns „Havanaise“ vorbereitet hatte, und die 17-jährige Bianca mit dem 1. Satz der „Symphonie espagnol“ von Edouard Lalo in den Genuss des öffentlichen Privatissimums. Allen drei legte Kopatchinskaja nahe, eigene Zugänge zu den Stücken zu wagen, sich den Partituren über Erzählungen zu nähern und dabei auch in Kauf zu nehmen, gelegentlich über das Ziel hinauszuschießen.
Was genau das heißt, bewies Kopatchinskaja selbst. Ihre „Skizzen“ nach Saint-Saëns „Rondo“ – das sie eigentlich nicht im Repertoire hat – zeigten auf spielerisch leichte Art, wie viel Freiheiten einem auch ein strenges formales Korsett bieten kann, wenn man das Augenmerk nicht mehr auf die Technik, sondern auf die Musik legt.
Es sei verständlich und auch richtig, dass sich junge Musiker ernsthaft und gewissenhaft vorbereiten, aber irgendwann müsse man dem Militärischen das Spielerische entgegensetzen. „Auf der Bühne sollen Musiker die Zuhörer nicht nur überzeugen, sondern verzaubern – und das geht nur, wenn man Teil der Musik und der Geschichten wird, die sie erzählt“, sagt sie. Bei Ivana Pristašová, der Geigenlehrerin des Trios, entschuldigte sich Kopatchinskaja vorsichtshalber trotzdem: „Vielleicht mache ich alles kaputt, was Ivana bisher aufgebaut hat.“ Das Gegenteil war der Fall: Die gebannten Zuhörer konnten miterleben, wie das Spiel der Nachwuchsmusiker mit jeder Anregung Kopatchinskajas farbiger, gewagter wurde. (jole)
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