Kollektiv sinnliches Agieren
Das Finale „Musik im Riesen“ mit Matinee und abendlichem Klangleuchten.
Wattens – Wie darf man eine Programmgestaltung, die wie folgend lautet, deuten? Ludwig v. Beethoven, Sonate für Violine und Klavier Nr. Es-Dur, op.12 Nr. 3, Bèla Bartók, Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 SZ 76 und Johannes Brahms, Sonate für Violine und Klavier Nr. 1-G-Dur op. 78. „Regenlied-Sonate“. Ganz einfach, die Interpreten Isabelle Faust (Violine) und Alexander Melnikov (Klavier) sind in allen Epochen zuhause und das Motto „Für jeden etwas“ ist ein bewährtes.
Der Abschluss der Konzertreihe „Musik im Riesen“ wurde mit einer feinen Matinee angegangen und man vergaß über das Regenlied das Regenwetter. Die Beethoven-Sonate präsentierte das Duo wunderbar durchgestaltet, angemessen expressiv und agil. Faust kam nicht auf die Idee, vokal gedachte Linienführung gekünstelt mit Akzenten zu belasten, verzichtete auf unnötiges Vibrato, Melnikov strapazierte nicht das Pedal. Ausgewogene Perspektive zwischen Violine und Klavier bescherte einen Beethoven in all seiner Melancholie und Farbenpracht. Hämmernde Rhythmik, eine Portion Pentatonik, ein Blick auf die Zwölftontechnik, fein ziselierte Melodik dagegengestellt, ungemein feinnervig gestaltet war Bartók zu erleben. Großartig der Wechsel von harschem, aggressivem Tonfall in geradezu silbrig gesetzte farblich nuancierte Akzente. Intensiv vorwärtsdrängend entwickelte das Duo die Brahms-Sonate. Da brillierten die zwei mit einer Fülle von Ausdrucksnuancen und mit einer hervorragenden Abstimmung von Tempo, Phrasierung und Dynamik.
Mehrmals fragwürdig vorgewarnt, dass es laut werden könnte und man besser in den hinteren Reihen Platz nehmen sollte, suchte man sich einen der reichlich freien Plätze zum Abendkonzert mit dem finnischen Kamariorkester Avanti unter Dima Slobodeniouk im Business Building Brandgut. Ob man mit dem Hinweis auf die Lautstärke meinte, das Kamariorkester Avanti könnte kein Piano spielen oder Neue Musik sei mit lautem Getöse gleichzusetzen, sei dahingestellt. Fazit: Es war bis in die letzten Winkelchen des Foyers ein Klangerlebnis der Extraklasse, in der Zartheit des leisesten Pianissimo, in der immensen Wucht eines kollektiven Fortissimo. Esa-Peka Salonens „Catch and Release“, Magnus Lindbergs „Corrente China“, von stark rhythmischen Akzenten und Jazzphrasierungen geprägt, ein Maximum an Ensemblequalität abverlangend, bescherten kaleidoskopisches Funkeln.
Helene Tulves konzentriertes Ausleuchten von Klangqualitäten in „à traverse“ und Thomas Larchers von Tradition bestimmtes „Die Nacht der Verlorenen“ für Bariton und Ensemble mit einem einnehmenden Marcus Farnsworth als Solisten, der nach einem Schwächeanfall für zwanzig Minuten pausieren musste, zeigte, dass zeitgenössische Musik auch tief sinnlich agieren darf. (hau)
Kommentare