Knapper Wahlausgang befürchtet – Angst vor weiterem Blutbad
Kurz vor der historischen Parlamentswahl in Pakistan macht sich die Sorge vor einem knappen Wahlausgang und damit verbundener politischer Instabilität breit. Auch die Angst vor Terrorismus wächst, denn die Taliban halten die Wahl für „unislamisch“ und drohen mit Gewalt. Bereits im Wahlkampf fielen mehr als 100 Menschen Anschlägen zum Opfer.
Islamabad – Es ist eine Parlamentswahl mit historischen Dimensionen: Erstmals seit der Unabhängigkeit von britischer Kolonialherrschaft 1947 übergibt in Pakistan eine zivile Regierung nach einer vollen Legislaturperiode die Macht an eine demokratisch gewählte Nachfolgeregierung. Mehr als die Hälfte der Zeit wurde Pakistan vom Militär regiert. Kurz vor der Wahl am Samstag mehren sich die Anzeichen für ein knappes Ergebnis. Für den wichtigen Verbündeten der USA im Kampf gegen Islamisten könnte das langwierige Koalitionsverhandlungen und politische Instabilität bedeuten. Zwar wurde am Freitag weiter davon ausgegangen, dass der frühere Ministerpräsident Nawaz Sharif nach 14 Jahren an die Macht zurückkehren wird. Allerdings hat die Partei des ehemaligen Cricket-Stars Imran Khan offenbar aufgeschlossen. Khan könnte damit am Samstag zum Königsmacher werden.
Khan legte in Umfragen kräftig zu
Sharif selbst forderte in der Zeitung Dawn eine „sehr klare Mehrheit“ für den Sieger, egal, wer das sei. Langwierige Koalitionsverhandlungen könnten Reformen in dem 193 Millionen Einwohner zählenden Land verzögern, das unter anderem mit wirtschaftlichen Problemen und gegen Islamisten ringt.
Formell ging der Wahlkampf in der Nacht auf Freitag zu Ende. Noch am Donnerstag waren 35.000 Anhänger Khans zu einer Wahlveranstaltung geströmt, obwohl der 60-Jährige nach einem Sturz im Krankenhaus lag und nicht teilnehmen konnte. In früheren Umfragen hatte seine Partei PTI nur einstellige Werte erreicht. In einer am Mittwoch veröffentlichten Erhebung des Magazins The Herald kam sie allerdings auf etwa 25 Prozent und lag nur knapp hinter der PML-N von Sharif. Shamila Chaudhary von der Eurasia Group sprach von einem „frenetischen Wahlkampf“ seiner freiwilligen Helfer in den vergangenen Wochen. Der regierenden Volkspartei PPP von Präsident Asif Ali Zardari droht eine verheerende Niederlage.
Blutiger Wahlkampf
Am Freitag wurden erneut Bombenanschläge auf Parteibüros verübt. Dabei starben in Quetta und Peshawar fünf Menschen. Am Donnerstag wurde außerdem der Sohn von Ex-Premierminister Yousuf Raza Gilani, Syed Ali Haider Gilani, entführt. Er kandidiert für die PPP. Bisher bekannte sich niemand zu der Tat.
Insgesamt sind 110 Menschen im Wahlkampf getötet worden. Für die Gewalt werden die mit der Al-Kaida verbündeten pakistanischen Taliban verantwortlich gemacht. Sie lehnen die Abstimmung als unislamisch ab und haben für den Wahltag Selbstmordanschläge angekündigt. Die Regierung will die rund 70.000 Wahlbüros mit 600.000 Sicherheitskräften schützen.
Sharif war bereits in den 1990er-Jahren zweimal Regierungschef. Er gab im Wahlkampf den Staatsmann und versprach, das Wachstum zu stärken und die chronischen Stromausfälle zu beheben. Zwar genießt Sharif, der aus einer der reichsten Familien des Landes stammt, das Vertrauen von Industriellen und anderen Unternehmern, doch auch ihm hängen Korruptionsvorwürfe nach. 1999 putschte ihn der Armeechef und spätere Präsident Pervez Musharraf aus dem Amt. Musharraf, der vor der Wahl aus dem Exil nach Pakistan zurückgekehrt war, wurde von der Justiz von der Wahl ausgeschlossen.
Geläuterter Sportstar Khan fordert soziale Revolution
Sharifs Rivale, der 60-Jährige Khan gehörte lange Zeit zum internationalen Jetset. Doch seit dem Ende seiner Sportkarriere und seinem Wechsel in die Politik 1995 gibt er sich geläutert. Heute ist er streng religiös und anti-amerikanisch. Er fordert eine soziale Revolution für Pakistan und hat den Kampf gegen die Korruption zu seiner Priorität erklärt. Neben Sharif ist Khan der einzige Spitzenkandidat, der trotz der Drohungen der Taliban auf großen Kundgebungen auftritt.
Beobachter erwarten, dass Khans Partei maximal 30 der 272 zu vergebenden von insgesamt 342 Sitzen im Parlament erhält, womit sie die Rolle des Königsmachers erhalten könnte. Eine Zusammenarbeit mit der PML-N und der PPP hat Khan jedoch bisher ausgeschlossen. Wenn er dabei bleibt, dürfte es erneut auf eine breite Koalition unter Führung einer der großen Parteien hinauslaufen. Neben PML-N, PPP und PTI treten noch eine Vielzahl an säkularen sowie islamistischen Parteien zur Wahl an.
Fast 7000 Bewerber
Für die 272 Sitze im Parlament hat die Wahlkommission insgesamt 6850 Bewerbungen zugelassen. Zusätzlich 60 Sitze sind für Frauen reserviert, zehn weitere für religiöse Minderheiten. Diese Sitze stehen am Samstag allerdings nicht zur Wahl, sondern werden im Anschluss von den Parteien je nach ihrem Abschneiden verhältnismäßig besetzt.
Neben der Nationalversammlung werden am Samstag die Regionalparlamente aller vier pakistanischen Provinzen Punjab, Sindh, Khyper-Pakhtunkhwa und Baluchistan gewählt. (tt.com/APA/Reuters/dpa/AFP)
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