Bei der Online-Orgie futtert jeder mit jedem

Immer mehr Menschen stellen Bilder von Speisen ins Netz und lassen andere online mitschlemmen. Was steckt hinter der Lust am öffentlichen Mampfen?

Von Kathrin Siller

Innsbruck –Auf Facebook sprang mir neulich ein Foto regelrecht entgegen. Darauf zu sehen war ein undefinierbares Etwas zwischen Tiramisu und Kürbissuppe, eine schlechte Abbildung von einem unappetitlichen Gericht. Das Posting dazu: „Endlich fertig. In Echt schaut’s aber besser aus.“ Großes Stirnrunzeln: Warum landet so etwas online?

Dieses Essensfoto ist nicht das einzige seiner Art im Netz. Zum Glück gibt es auch optisch schönere: X postet etwa ihre exotischen Ananas-Schinken-Muffins, Y lädt den kunstvoll arrangierten Fisch aus dem Haubenlokal auf ihre Seite, die Dritte stellt das Picknick am See online.

„Essen und Katzen – das sind seit Jahren die großen Themen im Netz“, bestätigt die Foodtrendforscherin Hanni Rützler den subjektiven Eindruck. Ein Beispiel: Auf der virtuellen Pinnwand pinterest.com, auf der Bilder hochgeladen und geteilt werden können, klicken sich die Essensvoyeure durch ein Meer von Gourmetburgern, Beeren­tartes oder hausgemachten Grissini. Und selbst was früher heilig war, nämlich nicht mit dem Essen zu spielen, ist heute banal, wenn man sich die Rubrik „Spiel mit deinem Essen“ auf Pinterest ansieht. Dort konkurriert der bunte Regenbogenkuchen mit Brot, das in tönernen Blumenvasen gebacken wurde, oder einem Bananentausendfüßler. Damit verwandelt sich die Küche zur Spielwiese und die Gerichte zu verspielten Kreationen.

Was einem das Netz vorsetzt, stößt vielen Usern sauer auf, andere lassen sich davon inspirieren, wie Jana N. auf der TT-Facebookseite bekennt: „Ich fotografiere und poste manchmal auch die eine oder andere Speise auf meiner Pinnwand, die entweder mir selbst besonders gut gelungen ist oder die ich irgendwo im Restaurant bestellt habe. Warum nicht? Geteilte Freude ist doch immer doppelte Freude.“

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Rützler erklärt diese Lust am medialen Schlemmen mit dem weltweiten Megatrend der Individualisierung. „Den Esstisch, an dem zehn Menschen nebeneinander das Gleiche essen, gibt es höchstens noch bei Oma oder als Wiederauferstehung bei der Slow-Food-Bewegung“, sagt Rützler. Zu Mittag heimzukommen und sich an den gedeckten Tisch zu setzen, ist mittlerweile die Ausnahme.

Der moderne Mensch (und die steigende Zahl an Singles) entscheidet selbst, was er isst. „Mit dem Essen stelle ich meine Individualität dar, ich zeige, was, wie und wo ich esse, ob ich selbst koche, ob ich Fleisch mag und wenn ja, welches.“ Eine Tendenz zur Selbstdarstellung ist nicht zu leugnen. Eine harmlose Form von Angeberei, die sich mit dem Wunsch nach Austausch verbindet. Ein Austausch mit „Freunden“, die man sich weltweit und nach gemeinsamen Interessen sucht.

Auf diese Art der Kommunikation pochen auch Foodblogger, die wie Pilze aus dem Boden schießen: Die englischsprachigen Blogger von „Welcome to my fridge“ („Ich bin mit meiner Küche verheiratet“), „Fatty like me“ („Willkommen in meinem Foodparadise“), „Fatfatfatforever“, „PornOtatoe“ oder „EatSomething“ versorgen ihre Follower regelmäßig mit Neuigkeiten in deren Küchen.

In Österreich ist es der in Wien lebende Kevin Ilse mit seinem Blog „The Stepford Husband“, der beim AMA-Foodblog-Award 2012 den dritten Platz belegte. Der Modejournalist bloggt seit eineinhalb Jahren. Es sei ein Hobby und Herzensprodukt, wie er im TT-Gespräch über seinen liebevoll gestalteten Blog sagt. „Ich stelle zwei bis drei Rezepte pro Woche unkommerziell online, ich verdiene damit kein Geld.“ Dass Foodblogs boomen, ist für Ilse keine Überraschung: „Es ist die Freude am Selbermachen, die Rückbesinnung auf Bio und Regionalität und quasi eine Gegenbewegung zu Fast Food und Take Away. Jeder hat einen Bezug dazu, jeder kann es machen.“ Und so Anschluss an eine Community finden.

Schließlich ist es kein Geheimnis, dass alleine zu essen eine äußerst deprimierende Angelegenheit ist.


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