„Frauen müssen eine Lippe riskieren!“
Starvisagist René Koch leitet das Lippenstiftmuseum in Berlin. Zum 130. Geburtstag des Lippenstifts sprach der Sammler mit der TT über die Erotik der roten Lippen und ihre nicht weniger feministische Bedeutung.
Der Lippenstift feiert heuer seinen 130. Geburtstag. Feiern Sie mit?
René Koch: Aber natürlich, wir feiern schon das ganze Monat mit vielen Veranstaltungen und Aktionen hier in Berlin (www.lippenstiftmuseum.de). Und auch viele Touristen kommen. Gerade war eine Gruppe aus Dänemark da. Die wollen immer den Kussabdruck von Brigitte Nielsen oder Gitte Hænning sehen.
Kommen auch Touristen aus Österreich?
Koch: Ja, die wollen dann natürlich alle den Kussabdruck von Schauspielerin Nadja Tiller sehen, eine der Ersten, die den Titel „Miss Austria“ verliehen bekam. Von ihr habe ich auch noch Lippenstifte. Und in unserem Museum haben wir auch den Kussabdruck der Österreicherin Greta Keller, der Erfinderin der tiefen Stimme. Ich habe sie in New York kennen gelernt. Sie sang dort im Waldorf Astoria Wiener Lieder. Die kennt heute kaum jemand mehr. Sehr schade, sie war ein Weltstar. Ich habe sie noch persönlich gekannt und sie mehrmals in Wien in der Singerstraße besucht.
Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, ein Lippenstiftmuseum zu eröffnen?
Koch: Ich habe mich schon als Kind für Make-up und Lippenstifte interessiert. Ich bin in Heidelberg nach dem Krieg zur Zeit der amerikanischen Besatzung groß geworden. Meine Mutter war Schneiderin und Hutmacherin. Sie hat also viel für die schicken amerikanischen Frauen gearbeitet. Die haben mich unglaublich fasziniert. Die schönen Röcke mit den Tupfen, das stark blondierte Haar – alle sahen aus wie Marilyn Monroe – und die roten Lippen. Da entstand früh eine Leidenschaft, die ich dann als Visagist zu meinem Beruf gemacht habe.
Und wie kam es zur Lippenstiftsammlung, die den Grundstein fürs Museum legte?
Koch: Als ich für die Kosmetikfirmen Charles of the Ritz und Yves Saint Laurent Beauté als Visagist gearbeitet habe, bin ich viel herumgekommen. Ich war oft in New York, London und Paris. Dabei habe ich viele Stars kennen gelernt.
Wen denn zum Beispiel?
Koch: Vor allem Hildegard Knef, die ich dann auch über dreißig Jahre begleitet habe. Sie prägte den Begriff „Volkslippenstift“, kurz „VL“ genannt.
Deswegen dachten viele, der Lippenstift käme aus der DDR ...
Koch: Ja, genau, aber der Volkswagen war ja auch kein Ostdeutscher. Der Name kam vielmehr daher, dass der Lippenstift rund 1,50 Mark kostete und damit für jeden leistbar war, eine gesellschaftspolitische Revolution. Bis dahin galt er als Luxusgut der Reichen. Und Hildegard Knef schenkte mir dann neben den Lippenstiften auch alte Lippenstiftanzeigen ebenso wie einen Kussabdruck von ihr. So hat sich das ganz langsam entwickelt und ich habe angefangen, Kussab- drücke von Stars und deren Lippenstifte zu sammeln. Von Joan Collins über Shirley Bassey bis Eartha Kitt. Alles Diven aus dem letzten Jahrhundert.
Warum malen wir uns eigentlich die Lippen an?
Koch: Natürlich um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das kommt noch aus der Zeit, als wir auf allen Vieren gingen. Es ist eindeutig ein sexuelles Signal. Schauen sie sich die Affen an, die einen roten Po haben. Das dient als Signal an das Männchen. Beim Menschen ist das ähnlich. Wer sich die Lippen anmalt oder auch aufspritzt, sagt, ich bin sexuell bereit, eben sexy. Das Signal gleicht einem sexuell erregten Dauerzustand.
Dann muss die Einführung des Lippenstifts doch ein großer Skandal gewesen sein?
Koch: Das war er auch. Der Lippenstift kommt Anfang der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts durch die Stars des Stummsfilms immer mehr in Mode, jedoch nicht bei den Bürgerfrauen. Lippenstiftreklame ist nämlich noch verboten. Zu seiner Einführung 1883 ist er darüber hinaus noch aus einem anderen Grund ein echter Flop. Seine Verpackung, also der Drehmechanismus, galt als Phallussymbol.
Ein großer Tabubruch?
Koch: Ja, in der Tat. Das war noch eine Männergesellschaft – die haben wir vielleicht heute noch. Ich erlebe das auf jeden Fall ganz oft, wenn Männer zu mir ins Museum kommen. Die sagen dann, meine Frau braucht das nicht, die ist doch auch ohne Farbe hübsch genug. Aber das sind dann manchmal genau die Männer, die dann doch auffallenderen, attraktiveren Frauen nachschauen.
Der Lippenstift ist also ein Symbol für die Emanzipation der Frauen?
Koch: Ja, absolut. Er ist für mich der kleine Zauberstab der Emanzipation. Oder die sanfte Waffe der Frau.
Derzeit sind rote Lippen sehr in Mode. Sagt das also etwas über unsere Gesellschaft aus?
Koch: Ja, für mich sehr viel. Rot kommt zurück, weil die Frauen selbstbewusster und erfolgreicher geworden sind. Denn die Farbe der Lippen ist auch immer ein Spiegel der Zeit.
Setzen Frauen Ihrer Meinung nach ihre roten Lippen heute bewusst ein?
Koch: Sie sollten es auf jeden Fall tun. Ich habe darüber ein Buch geschrieben, es heißt „’ne Lippe riskieren“. Darin geht es auch darum, wie wichtig es ist, dass Frauen sich einmischen. Von selbst hat sich die Gesellschaft noch nie geändert. Schon die Suffragetten, die britischen Frauenrechtlerinnen, haben sich vor über 100 Jahren die Lippen angemalt.
Es scheint sich wirklich um einen Zauberstift zu handeln ...
Koch: Ja, auch in ganz praktischer Hinsicht. Ich sage immer: „Roter Mund macht schmale Taille.“ Damit meine ich, es ist beim Frustkauf besser für die Figur, sich anstatt Schokolade einen Lippenstift zu kaufen. Und wenn Sie sich die Lippen rot anmalen, schauen die Männer sowieso eher ins Gesicht.
Das Interview führte Andrea Wieser