Song Contest 2013

„Jetzt die beleidigte Leberwurst zu spielen, finde ich blöd“

Seit 1999 kommentiert der Tiroler Andi Knoll für den ORF den Song Contest. Die TT hat ihn im Malmö zum Interview getroffen und über die Gründe für die österreichische Niederlage, das Mysterium Liederstreit und die Favoriten auf den Sieg gesprochen.

Das Gespräch führte Christiane Fasching in Malmö

Österreich ist erneut im Song-Contest-Semifinale gescheitert. War das in Ihren Augen absehbar?

Andi Knoll: Ich hab‘ mich in den vergangenen Jahren oft von der Euphorie vor Ort anstecken lassen – denn dass man eine „Schaß-Nummer“ hat, sagt dir hier ja niemand, vielmehr hat man das Gefühl, dass tatsächlich alle den Song großartig finden. Weil Österreich dann aber doch oft genug bei der Punktevergabe durch die Finger geschaut hat, hab‘ ich zuletzt versucht, diese Euphorie auszublenden. Doch dieses Mal habe ich wieder diesen Anfängerfehler gemacht und mich von den positiven Feedbacks dazu verleiten lassen, auf ein Weiterkommen zu hoffen. Am Ende hat‘s dann halt doch nicht geklappt, wobei ich glaube, dass es heuer eine knappe Sache war. Aber auf welchem Platz Natália Kelly gelandet ist, erfährt man ja erst Samstagabend.

Haben Sie eine Erklärung, woran‘s gescheitert ist?

Knoll: Bei Österreich muss einfach immer alles zusammenpassen – wie es eben vor zwei Jahren bei Nadine Beiler der Fall war. Woran‘s jetzt lag, ist schwierig zu sagen. Es war wohl eine Mischung: Schwierige Startnummer, zu wenig Show, eine Komposition, die vielleicht nicht 100-prozentig ins Ohr ging. Aber vielleicht sind das auch alles bloß Ausreden...

Es ist bereits die Diskussion entbrannt, ob Österreich überhaupt noch beim Song Contest mitmischen soll. Wie sehen Sie das?

Knoll: Die beleidigte Leberwurst zu spielen, finde ich blöd. Wenn wir irgendwann, nachdem wir Zweiter geworden sind, ans Aussteigen denken, wäre das was anderes. Aber wenn man aussteigt, nachdem man gescheitert ist, wirkt‘s einfach blöd. Ich persönlich finde ja, dass das Ergebnis bei diesem Event fast egal ist. Ich seh‘ den Song Contest als tolles Fernseh-Event, bei dem man als Zuschauer drei Shows geboten bekommt, die total unterhaltsam sind. Und so etwas darf man sich nicht entgehen lassen: Man soll weiterhin Song-Contest-Partys machen, sich daheim vor dem Fernseher über Lieder lustig machen oder sie mögen und die Show einfach genießen.

Außerdem haben die Quoten der letzten Jahre gezeigt, dass sich die Menschen den Song Contest auch ansehen, wenn Österreich nicht dabei ist: Also unbedingt weiter mitmachen!

Apropos Quote: Beim Antreten der Trackshittaz im Vorjahr saßen bis zu 800.000 Menschen vor dem Fernseher, bei Natália Kelly waren „nur“ noch knapp 400.000 heimische Zuseher dabei. Wie kommt‘s?

Knoll: Letztes Jahr gab‘s schon im Vorfeld viel Aufregung, weil sich ja alles auf dieses Duell zwischen den Trackshittaz und Conchita Wurst zugespitzt hatte. Und es wurde allgemein viel mehr Wind um den Song Contest gemacht: Im Radio, in den Zeitungen und auch seitens des ORF. Vielleicht hat man heuer tatsächlich zu wenig kampagnisiert – es hatte ja auch schon die Vorausscheidung weniger Zuschauer als im Vorjahr.

Sollten wir nächstes Jahr wirklich wieder teilnehmen, muss man sich ganz genau überlegen, wie man das Ganze angeht – aber vorerst ist das Song-Contest-Blatt wieder weiß und bereit dafür, neu beschriftet zu werden.

Weg von Österreich hin zum Finale am Samstag: Sind unter den 26 Finalisten viele Überraschungs-Kandidaten dabei?

Knoll: Mich hat tatsächlich überrascht, dass der gesamte Balkan ausgeschieden ist und die gesamte Ex-UDSSR weitergekommen ist. Den Countertenor aus Rumänien hätt‘ ich persönlich nicht im Finale gesehen, dafür hätt‘ ich San Marino, das erneut mit einem Ralph-Siegel-Song angetreten ist, gute Finalchancen eingeräumt. Was wirklich alle erstaunt hat, war das Weiterkommen von Litauen, was sich angeblich durch die vielen Gastarbeiter erklären lässt, die auf ganz Europa verteilt sind.

Und wer landet unter den Top drei?

Knoll: Ich schließe mich dem Hype um Dänemark an – „Only Teardrops“ von Emmelie de Forest könnte tatsächlich das Siegerlied sein. Margaret Berger aus Norwegen seh‘ ich auch ganz weit vorne, aber gut möglich, dass wir nächstes Jahr erneut am Kaukasus landen. Länder wie Aserbaidschan und Georgien lassen sich den Song Contest ja immer ganz nett was kosten: Da werden die Sachen einfach international zusammengekauft, mit dem Land selber hat das dann nicht mehr viel zu tun. Ich finde, das ist keine Art, wie man beim Song Contest gewinnen sollte: Da könnten wir ja auch die spanische Nationalmannschaft mit österreichischen Dressen aufs Fußballfeld schicken.

Aber Fakt ist, dass die Kaukasus-Fraktion das Rundherum perfekt angeht – mit viel Marketing und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Pay Phone, das in Europa platziert wird. Ist aber bloß eine Vermutung! (lacht)

Wie stehen Bonnie Tylers Chancen auf den Sieg?

Knoll: Gleich null: Ich glaub‘, dass sie auf Platz 20 oder 21 landet – also nicht ganz so schlecht wie Engelbert im Vorjahr, aber sie singt sicher nicht um den Sieg mit. Die englischen Kollegen haben mir verraten, dass sie total nervös ist und sich vor dem Auftritt richtig ins Hemd macht. Kein Wunder: Bei einem Konzert wärmt sie sich ja normalerweise mit zwei, drei Nummern auf, quatscht dazwischen ein bisschen und haut zum Schluss die Hits raus, für die sie dann Standing Ovations kassiert. Hier ist sie eine von vielen und hat nur drei Minuten Zeit, das Publikum für sich zu gewinnen – keine leichte Aufgabe für einen alten Hasen, der Anderes gewohnt ist.

Wenn‘s nach Ihrer geographischen Entdeckerlust ginge, wo sollte der Song Contest 2014 dann über die Bühne gehen?

Knoll: Georgien wär‘ nicht schlecht: Als ich ein Jugendlicher war, gab‘s in Tiflis mal einen Schwimm-Wettbewerb, für den ich aber leider zu schlecht war. So könnte ich den Besuch nachholen.