Bühne

Die guten alten Tänze bewegen noch immer

Das St. Petersburger Mariinski-Ballett zeigte bei den Salzburger Pfingstfestspielen drei Klassiker.

Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg –Genau vor 100 Jahren wurde „Le Sacre du Prin­temps“ uraufgeführt, im Pariser Théâtre des Champs-Élysées, in der Choreographie des legendären Vaslav Nijinsky­. Nicholas Roerich, einschlägiger Künstler und Esoteriker, schuf sehr bunte Bühnenbilder und Kostüme, ohne die vielleicht Entwicklungen wie Pop Art und manch (Post-)Modernes nicht möglich gewesen wären. Eine Opferung eines jungen Mädchens zum Zwecke des Weiterlebens einiger älterer Männer, diese „Bilder aus dem heidnischen Russland“ (so der Untertitel), sorgte damals für einen riesigen Skandal. Zur aufgeheizten Stimmung auf und jenseits der Bühne trug natürlich Igor Strawinskys herbe Musik ihren Teil bei, der Komponist wagte sich auf völliges Neuland, lieferte Synkopengewitter, extreme Zerrklänge und böse Dissonanzen. Heute sitzt das Publikum brav im Großen Festspielhaus und sieht immer noch gebannt, aber auch reichlich entspannt auf das zu Pfingsten kredenzte Ballettmuseum.

Orchester, Chor und Tanz­ensemble des St. Petersburger Mariinski-Theaters gaben sich die Ehre und zeigten gleich drei Schlüsselwerke aus guter alter Zeit. Am Anfang stand „Les Noces“, eine arg trockene „Hochzeitsfeier“, die einst ebenfalls in Paris (1923) herauskam und von Bronislava Nijinska choreographiert wurde. Man erlebt Szenen einer russischen Vermählung, wobei weder Braut noch Bräutigam von Solisten verkörpert werden, sondern gleichsam durchs Ensemble wandern. Auch hierfür lieferte Strawinsky die Musik, karg und wenig ansprechend, zu kopflastig klingt sie. Dazu gibt es in dem halbstündigen Werk eine riesige Menge Text zu singen – viel zu viel für die simple Handlung.

An dritter Stelle stand der furiose „Feuervogel“ von 1910, Michel Fokine choreographierte ihn für die Pariser Nationaloper. Hier kommen nun endlich alle Freunde des Märchenhaften auf ihre Kosten, vorbei sind die bedingt anspruchsvollen, ruppigen Bewegungen in „Les Noces“ oder die rabiaten Gewaltmuster aus dem „Sacre du Prin­temps“. Der frühe Feuervogel bleibt ganz hübsches Zauberstück, mit wunderbar verspielten Kulissen und Kostümen. Es geht um den Kampf zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, alles endet im Frieden und das Publikum kann sich an leitmotivartigen Strukturen orientieren. Strawinsky schrieb 1910 zwar bereits kernige, aber letztlich doch recht gemäßigte Musik, die das Darzustellende begleiten, aber nicht weiterführen möchte. Rückwirkend ist die Dramaturgie dieses Abends also plausibel: Erst kommt karge Kost, dann herrscht Revolution, dann gibt es Reaktionäres.

Das Mariinski-Ballett, das zu den Spitzencompagnien weltweit zählt, wurde seinem Ruf auch in Salzburg gerecht. Anders sah es leider auf musikalischer Seite aus. Erfreulich der von Andrei Petrenko einstudierte Chor (bei „Les Noces“), zu Teilen grenzwertig das Orchester unter seinem Chef Valery Gergiev. Immer wieder waren Übergänge unpräzise, zu Beginn des Sacre suchten sich verschiedene Instrumente und fanden erst spät zueinander, kurz, ein typischer Gergiev-Abend: Wo es laut wurde, herrschte Präzision, ansonsten gelang es nicht immer allen Musikern, Gergievs fuchtelnder Dirigierchoreographie Sinnvolles abzugewinnen.