Eis und Schnee quälen Radprofis beim „Giro extrem“

Schneeregen und Temperaturen um den Gefrierpunkt am Samstag, Schneegestöber auf dem Galibier am Sonntag: Der 96. Giro verlangt den Teilnehmern alles ab. Ex-Weltmeister Cavendish möchte so etwas „nie mehr erleben“.

Von Thomas Mustroph, dpa

Les Granges - Für gewöhnlich machen die Berge ein Radrennen schon schwer genug. Beim Giro d‘Italia sind die Witterungsbedingungen ein noch größeres Hindernis als die Alpen. Sie machen die aktuelle Italien-Rundfahrt zu einem epischen Ereignis - freilich jenseits der Grenze des von Ärzten Empfohlenen.

Als „Mörder“ hatten die Pioniere der Tour de France einst die Organisatoren verflucht, als sie zum ersten Mal die schneebedeckten Pyrenäengipfel erklimmen sollten. Die heutige Rennfahrergeneration ist zahmer, aber auch umsichtiger. Statt die Organisatoren anzuklagen, nahm das Peloton am Sonntag am Col du Mont Cenis einfach etwas Fahrt heraus.

„Es war bitterkalt. Es regnete. Am Himmel drohten weitere Wolken. Viele Fahrer waren nicht imstande, schnell den Berg hochzufahren. Das Feld zerteilte sich in mehrere Gruppen“, erzählte der Gesamtführende Vincenzo Nibali später am Fuß des Galibier. Als Bummelstreik wollte Nibali, der souverän auf seinen ersten Giro-Sieg zusteuert, die Aktion nicht verstanden wissen. Nur als kollegiale Geste, um auch den Kälteempfindlichsten noch die Ankunft innerhalb des Zeitlimits zu ermöglichen.

Nach 15 Etappen hat Nibali 1:26 Minuten Vorsprung vor Ex-Toursieger Cadel Evans. Am Samstag hatte der Sizilianer in Bardonecchia generös seinem Landsmann Mauro Santambrogio den Vortritt gelassen. Am Sonntag sicherte sich beim tiefgekühlten Giro der Italiener Giovanni Visconti den Tagessieg im Schneegestöber auf 2295 Höhenmetern am Denkmal des 2004 verstorbenen Marco Pantani.

Schneetreiben und Temperaturen um den Gefrierpunkt hatten die Alpenetappen am Wochenende zur Tortur werden lassen. Die schlimmsten Abschnitte - etwa den völlig verschneiten Weg hoch nach Sestriere und das unter 80 Zentimeter Schnee versteckte letzte Teilstück des Galibiers - hatten die Organisatoren vorsorglich aus dem Programm genommen. Dennoch waren die Belastungen immens.

Die Knochen traten aus den Gesichtern hervor. Starr waren die Blicke nach vorn gerichtet. Die Hände schienen festgefroren an den Lenkern. Zwar wagten sich einige - wie auch Nibali - unter dicken Schichten Gel sogar kurzärmlig in die finalen Anstiege. Gegen die Kälte in Händen und Füßen hatte aber selbst er, laut eigener Einschätzung einer der Kälteresistentesten im Feld, noch kein Mittel gefunden.

Am Jafferau, auf 1908 Metern Höhe, waren inmitten des Schneeregens Masseure zu sehen, die ihre massigen Nacken freimachten, damit ihre Schützlinge im Ziel dort die frostigen Hände auflegen und etwas Körperwärme übernehmen konnten. „Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals auf dem Rad erlebt zu haben. Ich war total leer“, sagte der vierfache Etappensieger Mark Cavendish dem Branchendienst „cyclingnews.com“. „Es war schrecklich. Ich muss jetzt ins Warme“, rang sich Ex-Girosieger Michele Scarponi einen Kommentar ab. Die meisten anderen Fahrer waren dazu gar nicht mehr in der Lage.

Erschwerend für die Giro-Teilnehmer kam hinzu, dass sie in den Tagen vor der Alpeneroberung durch mächtige Regenschauer fuhren. Schon dies hatte für einige prominente Abreisen wie von Toursieger Bradley Wiggins wegen Erkältungen gesorgt. Mit den Ereignissen der vergangenen Tage schlug selbst der bereits in der Vergangenheit an Extremsituationen reiche Giro ein neues Kapitel auf. „Ich möchte so etwas nie mehr erleben“, twitterte Cavendish. (dpa)


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