„Weltmeister der Herzen“: Die Schweiz feiert ihr Silber-Team

Trotz des verpassten Titels bei der Eishockey-WM ist die Schweiz das Sensationsteam 2013. Daheim sorgte die „Nati“ für Ekstase und Begeisterung. Im Finale mussten sich die Eidgenossen abgebrühten Schweden 1:5 geschlagen geben.

Stockholm, Zürich - Trotz der verpassten historischen WM-Goldmedaille ist die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft in der Heimat frenetisch gefeiert worden. „Weltmeister der Herzen“ nannte die Zeitung Blick das Team von Trainer Sean Simpson in einer WM-Gratisausgabe. „Danke für die geile Zeit. Ihr bringt Silber heim. Wir ziehen den Helm“, schrieb das Blatt und verlieh dem Team den Namen „Eisheilige“. „Ein Märchen vom unbeirrbaren Kampfgeist, von Einsatzbereitschaft und Selbstbewusstsein“, fand die Neue Zürcher Zeitung.

Die Enttäuschung über das 1:5 im Finale gegen Schweden am Sonntagabend war in der Alpenrepublik zwar groß, hielt aber nur kurze Zeit an. Dann besannen sich Schweizer Fans des überraschenden WM-Durchmarsches der Auswahl mit neun Siegen bis ins Finale. Damit bescherte die „Nati“ der Schweiz das erst zweite WM-Silber nach 1935. Zugleich war es die erste Medaille seit 1953 - damals gab es Bronze.

Am Montag bereiteten Hunderte Schweizer Anhänger ihrem Nationalteam einen begeisterten Empfang. Die Fans jubelten dem Vize-Weltmeister bereits in der Empfangshalle des Zürcher Flughafens zu. Coach Sean Simpson bedankte sich unmittelbar nach der Ankunft der Sondermaschine aus Schweden für die Unterstützung der Mannschaft und sagte unter dem Jubel Fahnen schwingender Fans: „Diese Jungs hier sind das beste Team aller Zeiten, sie haben unglaublich gespielt.“

„Wir können extrem stolz sein“

Der Vater des Erfolgs, Coach Simpson, stand noch vor einem Jahr vor dem Rauswurf. Nun bezeichnete selbst Regierungschef Ueli Maurer den Trainer als „Glücksfall für die Mannschaft“. Simpson würdigte das Team als „Vorbild für den Nachwuchs und jede Mannschaft im Land“. Es sei eine harte Aufgabe gewesen, in Stockholm gegen Schweden ein WM-Finale zu bestreiten. „Und wir waren in diesem Spiel nicht gut genug, ganz einfach. Aber wir sind stolz auf diese Medaille. Wir müssen stolz sein, auch wenn die Niederlage im Finale weh tut“, meinte er.

Kapitän Matthias Seger sagte: „Übers Ganze gesehen ist es ein unglaublicher Erfolg, den wir hier erreicht haben. Wir können extrem stolz sein, und es war großartig, wie diese Jungs füreinander gekämpft haben.“

Spieler nach Match enttäuscht

Unmittelbar nach Spielende sprachen die Gesichter der Schweizer Spieler bei der Siegerehrung aber Bände. Die Blicke waren leer, die Enttäuschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Das klare Resultat gab die wahren Kräfteverhältnisse nicht ganz wieder. „Das Spiel hätte auch auf unsere Seite kippen können“, sagte Verteidiger Philippe Furrer. „Das macht das Ganze so extrem frustrierend.“ Sie seien in der eigenen Zone zu wenig nahe an den Gegnern gestanden, das hätten sie schlechter gemacht als in den Spielen zuvor. „Vorne haben wir jedoch genügend Chancen kreiert.“

Dass den Schweden die Revanche für die 2:3-Niederlage im ersten Vorrundenspiel gelang, lag in erster Linie an den Sedin-Zwillingen. Die beiden Superstars der Vancouver Canucks verstehen sich auf dem Eis blind und waren kaum vom Puck zu trennen. Henrik Sedin steuerte die Tore zum 2:1 (12.) und 5:1 (57./ins leere Tor) bei und bereitete das 4:1 von Loui Eriksson (56.) vor. Damit hat er in vier WM-Spielen neun Scorerpunkte (4 Tore/5 Assists) erzielt. „Es ist unglaublich, wie die beiden Brüder Eishockey spielen können“, zollte Furrer den beiden Respekt.

„Es wäre mehr möglich gewesen“

Torhüter Martin Gerber sprach davon, dass seine Mannschaft den Spielplan zwischenzeitlich aus den Augen verloren habe. „Wir haben eine Zeit lang den Fokus verloren. Nach dem Ausgleich hatten wir nicht mehr die Ruhe, die wir vorher gehabt hatten. Es wäre mehr möglich gewesen.“

Von einer verpassten Chance sprach auch Simon Bodenmann: „Man hat vielleicht einmal im Leben die Möglichkeit, in einem WM-Finale zu stehen.“ Und Nino Niederreiter, der das Eis mit einer Minus-4-Bilanz verlassen hatte, sagte: „Momentan bin ich leer, und es ist schwierig, sich über die Silbermedaille zu freuen“.

Diametral anders als bei den Spielern war die Stimmungslage bei den zahlreichen Schweizer Fans in Stockholm. Diese waren trotz der Finalniederlage hoch zufrieden und verließen singend die Halle. In der Tat stellt die zweite WM-Silbermedaille den größten Erfolg im Schweizer Eishockey dar.

Schwedischer König empfing Weltmeister-Team

Das schwedische Gold-Team wurde am Montag unterdessen von König Carl Gustaf im Stockholmer Schloss empfangen. Der Monarch lobte die Weltmeister für einen „heldenhaften Sieg“. Beim Empfang waren auch Königin Silvia, Kronprinzessin Victoria, ihr Ehemann Prinz Daniel sowie ihr Bruder Carl Philip dabei. Die Prinzen hatten mehrere Spielen vor Ort mitverfolgt.

Nach der kleinen Zeremonie fuhr die Mannschaft mit einem Bus zum zentralen Bürgerplatz, wo unter blauem Himmel Zehntausende Fans die Spieler und Trainer Marts feierten. Während der Coach seine Goldmedaille trug, hatten seine Schützlinge wie schon kurz nach der Schlusssirene am Sonntagabend goldene Eishockey-Helme aufgesetzt.

Marts lobte die Mannschaft als „Gruppe mit unglaublich fester Bindung. Wir haben aneinander geglaubt.“ Auch Kapitän Staffan Kronwall betonte: „Wir haben das zusammen geschafft. Das war unser Motto während des gesamten Turniers.“ (TT.com, APA, dpa, Si)


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