Die andere Seite der eigenen Mutter

Von Bernadette Lietzow...

Von Bernadette Lietzow

Innsbruck –„Es sind Briefe, deren Feuer dem Sohn auch noch Jahrzehnte, nachdem sie aufs Papier geworfen wurden, die Hand versengt.“ Seinen Geschwistern widmet Peter Schneider das wohl verlagstechnisch Roman genannte literarisch-biografische Nachspüren seiner früh verstorbenen Mutter, deren Liebesbriefe die Grundlage zu „Die Lieben meiner Mutter“ bilden. Lange blieb das große Bündel Briefe unangetastet, und es klingt durch, dass nicht nur die für den Sohn unlesbare Sütterlinschrift dafür verantwortlich war.

Peter Schneider, 1940 geboren, Schriftsteller und einer der Protagonisten der Berliner Studentenbewegung, musste siebzig werden, um eine ihm unbekannte Seite seiner Mutter zu entdecken. Ihre in den Briefen zu Tage tretende Dreiecksbeziehung löst das lebenslange Rätsel der frühen Entfremdung des Sohnes und seiner Geschwister von einer Mutter, die schon Ende der 1940er Jahre einer schweren Krankheit erlag. Sie erschien den Kindern als unnahbar und war real häufig einfach nicht anwesend. Es ist eine schmerzliche, von vielen dem Leser nicht verheimlichten Zweifeln und Gefühlen der Peinlichkeit begleitete Reise, die der Autor unternimmt. An deren Ende wird er jedoch seine Mutter in ihrer Größe neu kennen gelernt haben. Als Gattin eines zunehmend erfolgreichen Dirigenten und Komponisten, als vierfache Mutter, als patente und mutige Flüchtlingsfrau, die sich mit den Kindern von Ostpreußen nach Bayern durchschlägt, stellt Peter Schneider seine Mutter vor und macht mittels der Briefe ihre Verzweiflung mit den sie fast zerreißenden Anforderungen deutlich.

Wahrhaft ungeheuerlich sind jedoch die literarische Wucht, mit der sie der nahezu besessenen Leidenschaft für den Opernregisseur Andreas, den besten Freund ihres Mannes, Raum gibt sowie die Offenheit, die sie für diese Ménage-à-trois von allen Beteiligten einfordert. So intime Einblicke in das Leben eines nahen Menschen stellen nicht zuletzt die eigene Person in Frage.

Peter Schneider begegnet in der Reflexion über die Mutter seiner Kindheit und Jugend, der zerstörerischen Abhängigkeit vom überlegenen Dorfbuben Willi beispielsweise und nimmt den Leser mit in das oft genug beklemmende Reich einer deutschen Nachkriegskindheit.

Peter Schneider. Die Lieben meiner Mutter, Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 20,60 Euro.


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