„Das ist wie ein Pink-Floyd-Konzert“

Vor der Premiere spuckt Regisseur Markus Plattner 500 Erlern über die Schulter. Nach der Premiere will er mit ihnen weiterspielen.

Von Christiane Fasching

Erl –Regisseur Markus Plattner steht vor dem Passionsspielhaus in Erl und wartet auf seine Schäfchen – unter die sich auch ein Esel gemischt hat. Lammfromm trottet Langohr Leo auf die traditionsreiche Spielstätte zu, um dort wenige Augenblicke später eine göttliche Aufgabe zu erfüllen – und Jesus auf die Bühne zu tragen. Mit dem putzigen Viecherl steuern auch mehr als 500 Erler gemächlich ihrem Regisseur entgegen, der den imposanten Einzug lächelnd beobachtet und noch schnell einen Zug von seiner Zigarette nimmt. Dann geht’s los.

„Servus Klaus.“ „Griaß di Sepp.“ „Hallo Anna.“ „Und der Simon isch a schu da.“ Plattner kennt sie alle. Oder tut er nur so? Der 36-jährige Schwazer lacht. „Ich hab’ mich vor Probenstart tatsächlich auf eine Hütte verzupft und dort mühevoll die Namen auswendig gelernt. Aber ich hab’ sie nach wie vor nicht immer sofort parat – auch weil in Erl so viele gleich heißen“, erklärt er. Seine Spieler nehmen ihm das aber nicht übel. „Sie spüren trotzdem, dass ich ihnen nah bin“, ist er überzeugt. Und man glaubt ihm gern, dass die Chemie hier stimmt. Oder wie Plattner sagt: „Ich hab’ das Gefühl, dass die Erler und ich uns treffen mussten, dass wir wie zwei Puzzle-Teile sind, die zusammengehören.“ Mangelnde Leidenschaft kann man dem Regisseur der Jubiläums-Passion nicht vorwerfen – wenn er über seine Arbeit in Erl spricht, funkeln seine Augen, fuchtelt er mit den Armen. Dass sein Herz schneller pocht, kann man nur erahnen. Kein Wunder: Ist die Inszenierung von Felix Mitterers Passions-Bearbeitung doch just Plattners 100. Regie-Werk. Zufall oder göttliche Fügung? „Ich habe in Erl begonnen, an Dinge zu glauben, die ich vorher nicht für möglich hielt. Aber das hat jetzt weniger mit einem abstrakten Gottesbild zu tun als vielmehr mit der Begeisterung und Zuneigung, der ich hier begegnet bin“, philosophiert Plattner. Und bringt seine Vision des Volkstheaters ins Spiel: „Ich bin überzeugt, dass auch ein Laie gut Theater spielen kann. Ein unschuldiger, naiver Zugang zur Kunst ist oft fruchtbarer, als wenn jemand wissenschaftliche Regelwerke mit sich herumträgt.“

Plattner wiederum trägt einen Wunsch mit sich herum: Er will Erl und den Erlern treu bleiben – auch dann, wenn die letzte von 33 Vorstellungen über die Bühne gegangen ist. „Ich bin hier lauter hochtalentierten Menschen begegnet, die unglaublich gern Theater spielen. Und ich sehe genug Möglichkeiten, das auch abseits der Passion zu tun. Ich hätte nichts dagegen, nicht mehr Wanderer zu sein, sondern die nächsten sechs Jahre hier in Erl Volkstheater zu machen – dann würd’ ich auch meine Couch übersiedeln“, blickt der Regisseur in die Zukunft. Wissend, dass diese nicht nur von ihm abhängt. „Ob’s dazu kommt, liegt an den Erlern“, sagt Plattner, der sich durchaus vorstellen könnte, auch 2019 die Passions-Regiefäden in Händen zu halten.

Vorerst konzentriert er sich aber auf die nahe Zukunft – sprich auf Sonntag, wenn die Uraufführung der Jubiläums-Passion über die Bühne geht. Bevor’s so weit ist, will er allen Mitspielern über die Schulter spucken. Auch wenn das etwas länger dauern könnte. Dass bis Oktober knapp 50.000 Menschen seine Inszenierung gesehen haben könnten, hält Plattner für „einen Wahnsinn“. Und lacht: „Das ist wie ein Pink-Floyd-Konzert.“


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