London nach Terrorattacke unter Schock, Polizei verstärkt Präsenz

Zwei Männer schlachten auf offener Straße einen Soldaten der britischen Armee ab. Die Polizei schießt wenig später auf sie. Die Regierung geht von Terrorismus aus - das Ganze nur wenige Tage vor dem Champions-League-Finale in London.

London - Ängstliches Rätselraten in London: Was sind das für Typen, die auf offener Straße einen Soldaten der britischen Armee mit einem Fleischerbeil umbringen? Die Regierung um Premierminister David Cameron spricht von „starken Anzeichen“ für einen terroristischen Hintergrund. Sie hebt aber zunächst nicht die Terrorwarnstufe an. Sie bleibt bei „Substanziell“. Dies deutet darauf hin, dass zum Champions-League-Finale am Samstag nicht mit erhöhter Terrorgefahr gerechnet wird. Zu dem Spiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund werden Zehntausende Besucher aus Deutschland erwartet. Dafür wählt etwa Innenministerin Theresa May klare Worte: „Ein solches Verbrechen wird nicht unbestraft bleiben.“

Die mutmaßlichen Terroristen von London waren der Polizei bereits vor dem Mord an einem Soldaten bekannt. Das sagte Premierminister David Cameron am Donnerstag bei einer Stellungnahme zu dem Angriff vom Vortag. Er nannte die Tat „widerwärtig“. Für sie seien ausschließlich die Täter selbst verantwortlich, sie könnten sich nicht hinter der Lehre des Islams verstecken. Die Londoner Polizei verstärkt unterdessen ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt.

Vor allem an Orten, wo sich Menschenmassen versammeln, werde man in den kommenden drei Tagen verstärkt Polizisten in Uniform sehen, sagte Simon Byrne von Scotland Yard am Donnerstag bei einem Besuch am Tatort im südöstlichen Stadtteil Woolwich. Derzeit seien 1.200 zusätzliche Polizisten im Einsatz, um den Menschen auf der Straße ein Gefühl der Sicherheit zu geben.

„Ihr werdet niemals sicher sein“

Die mutmaßlichen Täter forderten Passanten nach der Tat auf, sie zu filmen, in den Händen halten sie blutige Fleischermesser. Ein Video zeigt einen jungen Mann mit dunkler Hautfarbe, der auf den Westen schimpft. „Ihr werdet niemals sicher sein“, ruft er in die Kamera. „Setzt Eure Regierungen ab, sie kümmern sich nicht um Euch“. Wenig später liegen er und sein Komplize gekrümmt auf der Straße im südöstlichen Londoner Stadtteil Woolwich - getroffen von Polizeikugeln.

Nach und nach tritt die Dramatik der Ereignisse zutage, die sich am frühen Mittwochnachmittag in unmittelbarer Nähe einer Volksschule abspielten. Während die mutmaßlichen Terroristen noch die blutverschmierten Messer in den Händen halten, redet etwa eine Frau auf sie ein und versucht, sie zum Einlenken zu bewegen. Der Rektor der benachbarten Schule schließt seine Kinder ein, aus Angst vor Übergriffen. Auf dem Spielplatz landet der Rettungshelikopter. Wenig später legen Passanten und Anrainer Blumen nieder.

Obwohl das Verbrechen zunächst nicht wie das Werk in Strukturen handelnder Terroristen aussieht, gehen Experten davon aus, dass es sich um islamistischen Terror handelt. „Es ist dieselbe Rhetorik, die wir bei früheren Anschlägen gesehen haben“, sagte Usama Hasan von der Londoner Quilliam Foundation, einem Politik-Institut zum Kampf gegen islamistischen Terror, in der BBC. „Die Muslime müssen diese Rhetorik bekämpfen.“

Spur führt nach Nigeria

Die beiden mutmaßlichen Terroristen waren unmittelbar nach dem Mord an dem Soldaten von Polizisten angeschossen und anschließend in Krankenhäuser gebracht worden. Sie sollen noch heute verhört werden. Beide sollen britische Staatsbürger mit Verbindungen nach Nigeria sein. Das verlautete am Donnerstag aus Regierungskreisen. Es soll sich um junge Leute handeln, die zu einer radikalisierten Form des Islam konvertiert sind, hieß es. Es sei aber nicht davon auszugehen, dass sie Kontakt zu radikalen, islamistischen Terrorgruppen wie Boko Haram in Nigeria gehabt hätten. Beide sollen noch am Donnerstag von Anti-Terror-Experten der Polizei verhört werden.

Am Donnerstag durchsuchten Beamte zwei Anwesen in der Grafschaft Lincolnshire und in Greenwich, im Südosten Londons.

Die Sicherheitsbehörden des Landes sind unterdessen zu einer Krisensitzung zusammengetroffen. Neben dem Chef von Scotland Yard, Innenministerin Theresa May und Londons Bürgermeister Boris Johnson sollte auch die Führungsspitze des Inlandsgeheimdienstes MI5 an den Beratungen in der britischen Hauptstadt teilnehmen.

Anti-Islam-Aktionen nach Mord

Bevor die Hintergründe auch nur annähernd aufgeklärt waren, versuchten bereits rechtsgerichtete Kreise in Großbritannien, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen. Die „English Defence League“ versammelte in der Nähe des Tatortes noch am Abend der Tat rund 250 Menschen zu einer Demonstration gegen den Islam.

Andernorts wurden zwei Männer festgenommen, die mit Messern in Moscheen aufgetaucht waren. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson warnte vor solchen Aktionen. „Es ist absolut falsch, diese Taten mit der Religion in Verbindung zu bringen.“ (dpa, TT.com)


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