Jugendkrawalle in Schweden - Statusängste in der Vorstadt

Die Ausschreitungen lösten eine Debatte über das wachsende Wohlstandsgefälle in Schweden aus. Während es der Mehrheit der Bevölkerung wirtschaftlich gutgeht, fühlen sich vor allem Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund zunehmend ausgegrenzt.

Stockholm - Seit sechs Tagen randalieren Jugendliche in der Vorstadt Stockholms - ein ungewöhnlicher Ausbruch. Denn Schweden gilt wegen seines gut ausgebauten Sozialstaates als globales Vorzeigemodell. Doch hinter der schönen Fassade steckt ein alter Konflikt.

Triste Vororte wie Husby, Rinkeby in Stockholm und Rosengard in Malmö, wo heute Autos brennen, sind in Schweden seit langem ein Synonym für soziale Ausgrenzung. Wer hier geboren wird, ist mit einem Stigma behaftet, denn im oft als egalitär gelobten Schweden wird streng auf Herkunft und soziale Klasse geachtet. Der richtige Vornamen, die richtige Schule sind von Kindesalter an prägend. Am bestimmendsten ist aber die Wahl des Wohlviertels.

Sind die Einkommen in Schweden gleicher verteilt als in fast allen anderen Industriestaaten, kehrt sich die Bilanz bei der Vermögensverteilung ins Gegenteil um. Mit einem Gini-Koefizienten laut UNO-Statistik von 74,2 teilen selbst Staaten wie Argentinien (74,0) und die Türkei (71,8) Eigentum gerechter auf. Anders ausgedrückt: Das reichste Fünftel der Bevölkerung besitzt drei Viertel des Vermögens.

Die Kapitalverteilung prägt sich drastisch am Immobilienmarkt aus. Da strenge Mietgesetze und ein öffentliches System der Wohnungszuteilung die freie Wahl des Wohnortes schwierig machen, ist die Flucht ins Eigentum verbreitet. Selbst Mitte-Zwanzigjährige im ersten Job nehmen dafür häufig einen Kredit auf. Als Folge sind Innenstadtlagen in Stockholm unerschwinglich.

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Einwandererfamilien und andere Finanzschwache werden an den Rand der Städte gedrängt, wo die Mieten billig sind. Die geringe soziale Durchmischung zeigt sich deutlich: In Husby, dem Zentrum der Krawalle, waren in den frühen 1970er-Jahren Sozialwohnblöcke errichtet worden. Nach Schätzungen haben etwa 80 Prozent der rund 12.000 dort lebenden Menschen einen Migrationshintergrund.

Wer aus einem Ort wie Husby stammt und einen fremden Namen hat, muss in Stockholms besserer Gesellschaft manchen mitleidvollen Blick über sich ergehen lassen. Die soziale Segmentierung setzt sich auch in der Sprache fest: In Berichten von den Krawallen ist oft vom harten Einwandererschwedisch die Rede, das so gar nicht zum weichen Singsang des Stockholmer Bürgertums passt. Sozialer Aufstieg und die Flucht vom Stadtrand ist damit schwierig, die Frustration groß.


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