Lienz soll zum Wallfahrtsort für russische Gäste werden
Am 1. Juni findet am Kosakenfriedhof das 60. Gedenken an die Kosakentragödie statt. Der ungebrochene Zustrom von Besuchern aus aller Welt dürfte weiter anwachsen.
Von Claudia Funder
Lienz –Furchtbare Szenen spielten sich Ende des Zweiten Weltkrieges bei dem als „Kosakentragödie“ in die Geschichte eingegangenen Schreckensereignisses in Lienz ab.
Am kommenden Samstag findet um 11 Uhr zum mittlerweile 60. Mal am Kosakenfriedhof in der Peggetz ein Gottesdienst im Gedenken an die Auslieferung von 25.000 Kosaken und Kriegsflüchtlingen an die Sowjetarmee statt. „Auch wenn die Anzahl der Personen, die dieses unglückselige Kapitel Osttiroler Nachkriegsgeschichte überlebt haben, immer kleiner wird, so ist das Interesse der Söhne und Töchter sowie der Enkelgeneration der großen Kosakenfamilie in aller Welt nach wie vor ungebrochen“, betont Harald Stadler, Leiter des Instituts für Archäologien in Innsbruck. Immer wieder erreichen die Forschungsstelle, die an seinem Institut angesiedelt ist, Anfragen nach Personen, die Teil dieser Tragödie waren, um Lücken in Biographien zu schließen. Und immer wieder tauchen russische Gegenstände in Dachböden, Kellern oder bei Grabungsarbeiten im Lienzer Talboden auf, die dann fein säuberlich dokumentiert und in die Datenbank „Kosaken in Osttirol“ eingespeist werden.
„Wenn dann auch noch die geplante russisch-orthodoxe Kapelle gebaut werden sollte, dürfte ein Wallfahrtsort entstehen, der die Besucherfrequenz russischer und russischstämmiger Gäste in Osttirol ordentlich nach oben schrauben wird“, ist sich Stadler sicher.
Hermann Hotter, Geschäftsführer der Landesstelle Schwarzes Kreuz: „Spenden aus dem In- und Ausland für den Kapellenbau kommen laufend herein, wir sind auf einem guten Weg. Die Kapelle wird auf jeden Fall gebaut.“
Seit 1953 findet einmal jährlich das Gedenken in Lienz statt. Stadler: „Neben verschiedenen Kosakenabordnungen wie dem Internationalen Kosaken-Verein Hannover kommen heuer Abordnungen aus Russland, der Ukraine, Australien, Kanada und England. Dazu gesellt sich jedes Jahr auch eine Reihe von autodidakten und professionellen Historikern und Archäologen aus Österreich, Italien und Deutschland.“
Der Verein zum Gedenken an die Lienzer Kosakentragödie unter Obmann Michael Rainer kümmert sich um den Ablauf der Zeremonien, Erika Pätzold im Auftrag des Schwarzen Kreuzes um den Friedhof. Die Homepage www.kosaken-lienz1945.com informiert über die Aktivitäten.
„Auf Einladung des Instituts für Archäologien und des Russlandzentrums/Büro für Internationale Beziehungen werden heuer der Direktor des Alexander Solschenizyn Centres in Moskau, Viktor Moskwin, und Tatjana Irinakhova den Gedenkgottesdienst besuchen und sich über das Projekt Kosaken in Osttirol für eine mögliche Ausstellung in Moskau informieren“, verrät Stadler, der die beiden Gäste am Wochenende persönlich zu den wichtigsten Schauplätzen im Lienzer Talboden und in den Bergen führen wird.
Als Überraschungsgast kommt heuer der Kosaken-Ataman Wladimir Melichov, Gründer des Kosaken-Gedenkzentrums und zweier Museen – des Museums „Die Donkosaken im Kampf gegen die Bolschewisten“ in Staniza Jelanskaya sowie des Gedenkmuseums des Antibolschewistischen Widerstandes in Podolsk –, zur diesjährigen Gedenkfeier nach Lienz.