Banken und Medien als Revolutionäre
Wirtschaftsclub Tirol: Bank-Austria-Boss Cernko will bis 22 Uhr aufsperren und fürchtet Google mehr als Direkt- banken. MoHo-Chef Petz schlägt Werbe-Quellensteuer vor. ORF-General Wrabetz glaubt nicht an heilige Kühe.
Von Nina Werlberger
Innsbruck –Österreichs Banken steht eine Revolution bevor. Das kündigte Bank-Austria-Boss Willibald Cernko am Dienstagabend beim Wirtschaftsclub Tirol an. Die Bank-Austria-Veranstaltung feierte im neuen Verlagsgebäude der Moser Holding ihre 50. Jubiläumsauflage. Thema: „Banken- und Mediengeschäft zwischen heute und morgen.“
Heute sei es bereits Realität, dass ausschließlich der Kunde entscheide, wann, wo und wie Banking betrieben werde. Um auf das veränderte Verhalten der Menschen durch Internet und Smartphones zu reagieren, will Cernko „eine riesengroße virtuelle Filiale aufsperren“. Mit den Belegschaftsvertretern liefen bereits Verhandlungen, um die dafür nötige Flexibilisierung bei den Arbeitszeiten zu erreichen. „Die Nachfrage spielt sich zwischen 7 und 22 Uhr ab. In dieser Zeitspanne müssen wir verfügbar sein“, kündigte Cernko an. Auch am Samstag soll die Bank länger erreichbar sein. Beim geplanten Ausdehnen der Öffnungszeiten sollen allerdings keine höheren Kosten entstehen, merkte Cernko an.
Das Filialennetz und der Mitarbeiterstand der Banken Österreichs wird nach seiner Einschätzung deutlich schrumpfen. Von den rund 70.000 Jobs im heimischen Finanzsektor dürften in den kommenden zehn bis 15 Jahren bis zu 15.000 Stellen reduziert werden, schätzte Cernko. In Europa werde man dann wohl ein Drittel der Filialen nicht mehr sehen. Natürlich werde es die klassische Filiale auch in Zukunft noch geben, möglicherweise aber nicht mehr an allen Plätzen.
Fest steht für Cernko, dass bei der Bank Austria künftig mehr Beratungen auf Distanz stattfinden sollen. Derzeit laufe ein Pilotprojekt, bei dem Kunden mit ihrem Betreuer skypen können. Ab Herbst soll diese Form der Videotelefonie dann flächendeckend möglich werden.
„Nicht Direktbanken sind die große Herausforderung, sondern Google und Amazon sind es“, betonte Cernko. Er verwies auf den mehrfachen Zusammenbruch des Online-Bankings, der die Bank Austria im vergangenen Herbst und Winter in Atem gehalten hatte. „Dieses IT-Desaster war für mich albtraumartig“, erklärte Cernko. Die heftigen Reaktionen der Kunden auf den zeitweisen Ausfall des Onlinebankings hätten ihn bewegt. Sein Fazit mit Blick auf die technologische Entwicklung: „Die Revolution wird erst kommen.“
Was die Sicherheit beim Banking via Smartphone angeht, macht Cernko sich keine Illusionen: „Wir werden keine 100-prozentige Sicherheit bieten können.“ Entscheidend sei, die Konsumenten über die Risiken aufzuklären. „Die Leute müssen lernen, mit ihren Daten sorgsam umzugehen.“
Ähnliche Herausforderungen wie der Spitzenbanker ortete der Vorstandschef der Moser Holding (MoHo), Hermann Petz, auch im Mediengeschäft. Er beschrieb das veränderte Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten, auf das die MoHo mit einer Vielzahl von Strategien reagiere. Als besondere Stärke unterstrich Petz die starke regionale Verankerung der MoHo-Medien.
Wie sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geändert haben, zeigte Petz am Beispiel des Suchmaschinenriesen Google auf. Dieser ziehe alleine 100 Mio. Euro an Werbegeldern ab, ohne dabei einen Cent an Wertschöpfung in Österreich zu kreieren. Um hier gegenzusteuern, schlug Petz die Schaffung einer „Quellenbesteuerung bei Werbeeinnahmen“ vor – vergleichbar mit einer Quellensteuer bei Zinserträgen.
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz erwartet indes weitere große Umwälzungen in Sachen Technik. „Im digitalen Bereich wird eine komplett neue Welt entstehen“, führte er aus. Medien würden zunehmend parallel genützt, die Digitalisierung, Breitbandnetze, immer mehr Smartphones und neue TV-Technologien würden für einen Umbruch sorgen.
Auch Wrabetz unterstrich die Bedeutung der regionalen Wurzeln für den ORF. „Die Landesstudios sind eine absolute Stärke, gerade in Zeiten der Globalisierung.“ Hier und bei der Information soll auch in Zukunft nicht gespart werden. Bekomme der ORF allerdings seine Gebührenrefundierung nicht verlängert, müssten in anderen wichtigen Bereichen Abstriche gemacht werden (siehe dazu auch S. 13). Ob es hier Tabus gibt? „Heilige Kühe gibt es in Indien, nicht bei uns“, bemerkte der ORF-General.