Kaleidoskop der Seelenschwingungen

Gustav Kuhn und sein Orchester der Festspiele Erl wurden frenetisch bejubelt.

Von Markus Hauser

Erl –Wohl ganz im Sinne von Ludwig van Beethoven interpretiert, erklangen am Sonntag im Rahmen der Reihe „Beethoven plus“ im Festspielhaus von Erl die Symphonie Nr. 1 in C-Dur op. 21 und die Symphonie Nr. 3 in Es-Dur op. 55 „Eroica“. Die Erste, ein paar Takte der Einleitung, wie anbetend bedächtig Maestro Gustav Kuhn sie zelebrieren ließ, war schon Verweis genug, welch kammermusikalisch delikate Sicht man erwarten durfte. Großformat im Kleinformat! Wie schafft man es bloß, mag sich da so mancher gefragt haben, dass bei so bedächtiger Tempo­wahl die ganze Struktur nicht auseinanderfällt. Was Kuhn da offenlegte und an klangfarblicher Detailbesessenheit zutage förderte, hat bei den Zuhörern wohl jenes Seelenprickeln erzeugt, von dem einst Beethoven auf seinen Wanderungen ergriffen wurde.

Großformat im Großformat, die „Eroica“. Im Gegensatz zu Beethoven, der für die Uraufführung seiner Dritten nachweislich mit 28 Musikern das Auslangen fand, setzte Kuhn auf einen großen Orchesterapparat. Doch mitnichten geigengeglätteter Allerweltsklang, oder das Werk mit bloß passabler Kantabilität nach Hause geschaukelt. Die diversen melodischen Linien zu einem fortlaufenden Dialog zusammengeführt, einem ungemein rhythmisch präzisen Energiepuls frönend, konturenscharf und mit innerer Größe, entwickelt Kuhn mit seinem famosen Orchester der Tiroler Festspiele Erl ein betörendes Kaleidoskop der Seelenschwingungen.

Da gab es auch noch das Plus in Form von vier Liedern für eine Singstimme und Klavier op. 2 von Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinskys „Walzer Gesänge nach toskanischen Volksliedern“ op. 6 und ein uraufgeführtes Auftragswerk für Klavier von Francesco Libetta „Parafrasi immaginaria su ‚Die Sarazenin‘ di Richard Wagner“.

Die Parafrasi mit dem exzellenten Interpreten Vincenzo Maltempo, spätromantisch verklärt, impressionistisch angehaucht, etwas Virtuosität à la Liszt, gut gemacht – ja, im Jetzt und Heute angekommen – eher nicht. Sollte das Vibrato das erste Stilmittel der Spätromantik gewesen sein, dann war die Sopranistin Susanne Geb wohl erste Wahl. Kleine Intonationsprobleme und getrübte Pianostellen ließen aber Zweifel aufkommen. Das Publikum sah es anders, auch dafür gab es frenetischen Applaus.

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