Offen leben wollen, aber nicht können

Homo- und transsexuelle Personen sind immer noch Diskriminierung und Hasskriminalität ausgesetzt. Das zeigt eine aktuelle Studie, die in allen EU-Ländern durchgeführt wurde. Auch eine Studie über in Innsbruck lebende Lesben bringt ähnliche Ergebnisse zu Tage.

Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – Auf der Straße brechen Schimpfwörter über dem Paar herein, in der Arbeit werden sie gemobbt, an der Haustür findet sich eine Drohung und vor dem Gesetz sind sie nicht gleichgestellt. Auch heute noch werden Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgenderpersonen (LGBT) diskriminiert, attackiert und angefeindet. Die jüngsten Proteste in Frankreich rund um das mittlerweile gesetzlich anerkannte Homo-Ehe oder das Anti-Homosexuellen Propaganda-Gesetz in Russland zeugen davon. Ebenso Attacken während Kundgebungen von Schwulen und Lesben, etwa in Moskau im Frühjahr oder am vergangenen Wochenende in Budapest.

Wie also gestaltet sich das Leben von LGBT-Personen? Welche persönlichen Erlebnisse haben sie gemacht? Auf diese und mehr Fragen ging im vergangenen Jahr eine EU-weite Studie von der in Wien ansässigen EU-Agentur für Grundrechte (FRA) auf den Grund. Auch in Innsbruck wurde eine Studie zu dem Thema durchgeführt. Dabei standen in der Landeshauptstadt lebende Lesben und ihre Erfahrungen im Mittelpunkt.

Hälfte der Befragten erfuhr Diskriminierung oder Belästigung

Die Teilnehmer der EU-Studie wurden nach ihren Erlebnissen mit Diskriminierung, Anfeindung und Gewaltakten gefragt. Die Ergebnisse, die im Mai diesen Jahres veröffentlicht wurden, können durchaus als schockierend bezeichnet werden. Sie zeigen eine weite Verbreitung von Diskriminierung und Hasskriminalität. Mehr als 93.000 Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgenderpersonen (LGBT) füllten den Online-Fragebogen aus. Dabei gaben rund 47 Prozent an, innerhalb eines Jahres vor der Befragung persönlich Diskriminierung oder Belästigung aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung erfahren zu haben. In Österreich lag die Zahl knapp über dem Durchschnitt (48 Prozent). Am öftesten haben laut der Studie Lesben und bisexuelle Frauen von Diskriminierung oder Belästigung berichtet. Auch in Innsbruck sind Anfeindungen noch immer Realität, zeigt die dort unter homosexuellen Frauen durchgeführte Studie.

„Die Ergebnisse zeigen, dass LGBT-Personen in der heutigen Gesellschaft in der EU häufig darunter leiden, sich in Schule, Beruf und Öffentlichkeit nicht offenbaren zu können. Viele verheimlichen ihre Identität und leben in Isolation oder sogar Angst. Andere erfahren wiederum Diskriminierung und sogar Gewalt, wenn sie sich offen zu ihrer sexuellen Ausrichtung bekennen“, heißt es in dem Ergebnisbericht der FRA. Rund ein Fünftel (18 %) der Teilnehmer berichtete, sich im vergangenen Jahr in einem Café, Restaurant, in einer Bar oder einem Nachtclub aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung diskriminiert gefühlt zu haben.

Rund ein Viertel (26 %) aller Befragten wurde in den vergangenen fünf Jahren Opfer von Angriffen oder Gewaltandrohungen. Jedoch weniger als ein Fünftel (17 %) brachte den jüngsten Vorfall von hassmotivierter Gewaltanwendung ihnen gegenüber bei der Polizei zur Anzeige. Viele LGBT-Personen würden nicht glauben, dass eine Anzeige etwas an ihrer Situation ändern würde, so die Studie.

66 Prozent haben Angst vor Öffentlichkeit

Das Ausleben der persönlichen sexuellen Ausrichtung ist für LGBT-Personen weiterhin schwierig. Laut der Studie haben sich viele der Teilnehmer noch nicht vor ihren Familien geoutet. Etwa 66% der Umfrageteilnehmer in allen EU-Mitgliedstaaten wagen es nicht, in der Öffentlichkeit die Hand ihres gleichgeschlechtlichen Partners zu halten. Ob jemand seinem Partner in der Öffentlichkeit die Hand gibt oder ihn küsst, richtet sich zwar ganz nach seinem Wohlbefinden. Ängste vor Gewaltakten oder Beschimpfungen spielen dabei aber auch eine große Rolle.

Auch in der Tiroler Landeshauptstadt würden sich Lesben genau überlegen, wo und wann sie ihre Liebe zu ihrer Partnerin öffentlich machen. In der Studie „Welt statt Innsbruck“, die im Sommer 2007 ebenfalls mittels Online-Fragebogen durchgeführt wurde und die Lebenswelt der in Innsbruck lebenden Lesben untersuchte - 37 konnten ausgewertet werden, brachte damals ebenfalls Diskriminierung und Anfeindungen ans Licht.

„Innsbruck wird sich schwer damit tun, sich als lesbenfreundlich zu bezeichnen. Denn lesbische Liebe ist gesellschaftlich abgewertet und da ändert Innsbruck nichts an der Sache“, meint eine der Studienleiterinnen, Andrea Nagy.

Motorrad beschmiert, im Fußballstadion beleidigt

„Einige Schilderungen zeugen von offener Diskriminierung. Einer Frau wurde das Motorrad besprüht, andere wurden am Arbeitsplatz oder im Fußballstadion offen beleidigt.“

Die Angst vor Angriffen oder Beleidigungen ist auch in der Innsbrucker-Studie bei einigen Antworten mitgeschwungen. „Sie (die lesbischen Frauen, Anm.) überlegen genau, wo sie sich wie zeigen. Das, glaube ich, ist in der Hetero-Welt nicht so. Es gibt den Anspruch wie ‚normale‘ Menschen leben und Liebe öffentlich zeigen zu wollen, wie es für heterosexuelle Paare ja normal ist. Tun ist aber eine andere Frage“, klärt Nagy auf.

Auch heute noch würden sich Homosexuelle genau überlegen, an welchem Ort sie ihre Liebe öffentlich zeigen, die Ängste seien bei manchen aber gleichzeitig weniger geworden.

Wunsch nach Förderung von lesbischer Kultur

Sie und ihre Kolleginnen haben versucht herauszufinden, wer Innsbrucks Lesben sind, wo sie sind und wie sie ihre Stadt beurteilen. 17 der befragten Homosexuellen gaben an, dass sich die Stadt zu wenig um Lesben kümmere. 13 der Befragten meinten, dass sie sich in der Stadt Sichtbarkeit und Akzeptanz eines bunteren Lebens wünschen. 7 wünschten sich, dass jedes Lebenskonzept die gleiche Aufmerksamkeit, in Hinblick auf Gleichberechtigung, bekommen soll.

Lesben erwarten sich von Innsbruck vor allem die Förderung von lesbischer Kultur und Lebensweise (Cafes, Lokale, kulturelle Veranstaltungen, Events). Das sei für Nagy auch ein Schlüssel, um Anfeindungen und Diskriminierungen erfolgreich bekämpfen zu können. „Legale Anerkennung ist natürlich sehr wichtig, aber auch eine Repräsentanz spielt eine große Rolle, um die Lesbenszene zu stärken. Eine Geste der Anerkennung von Seiten der Stadt wäre angebracht, auch das Potenzial der Szene, in zum Beispiel Genderfragen, könnte verstärkt genutzt werden“, kann sich Nagy vorstellen. Zudem würde ein kultureller Austausch Innsbruck guttun, „denn die Lesbenszene hat reichhaltige und hochwertige Kulturinitiativen zu bieten“. Sie meint damit Kulturprojekte, wie zum Beispiel Frau Crissie und Pianistin, 2010 oder „Edelweiss baut hier für sie“ im Rahmen vom weiss, weiss, edelweiss, welche aus der Lesbenszene stammen, jedoch für alle Innsbrucker interessant sein könnten.

Ein positives Beispiel sind die Veranstaltungen „innlove“ und „Christopher Street Day“, die die LGBT-Bewegung mit einem bunten Fest in den Mittelpunkt rückt. Auch in der Innsbrucker-Studie berichteten die homosexuellen Frauen, welche die Events besucht hatten, von einem positiven Gefühl. Diskriminierung und Anfeindungen wurden dort nicht wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Sie hätten sich akzeptiert und angenommen gefühlt.

Schutz vor Diskriminierung deutlich verbessern

Um eine Diskriminierung und Anfeindung der LGBT-Personen in Zukunft zu vermeiden, schlägt die EU-Agentur für Grundrechte ebenfalls verschiedene Maßnahmen vor: eine sichere Umgebung für Bildung soll ebenso geschaffen werden wie eine Gleichbehandlung im Arbeitsleben. Darüber hinaus ginge es darum Diskriminierung zu bekämpfen und „LGBT-Opfer von Hassverbrechen zu schützen und anzuerkennen. „Eine pluralistische und inklusive soziale Umgebung, die auf dem Grundsatz der Gleichheit basiert und in der EU-Charta der Grundrechte verankert ist, trägt zu einem Umfeld bei, in dem LGBT-Personen offen und frei leben und sich offenbaren können“, so der FRA-Bericht. Der Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung könnte in allen EU-Mitgliedstaaten deutlich verbessert werden, „wenn das EU-weite Verbot solcher Diskriminierungen über den Bereich des Berufs und der Beschäftigung hinausgehen würde.“ Darauf sollte auch bei der EU-Gesetzgebung geachtet werden. „Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität“ sollte in allen Rechtsvorschriften „ausdrücklich zu einer Form der Diskriminierung“ erklärt werden.

Die Szene wird zunehmend selbstbewusster und ist mittlerweile auch in einigen Ländern nicht mehr Zielscheibe von Diskriminierung und Hass. So konnte in der kroatischen Hafenstadt Split im heurigen Juni eine Gay-Pride-Parade - anders als vor zwei Jahren, als 10.000 homophobe Aktivisten eine ähnliche Veranstaltung mit Stein- und Flaschenwürfen attackiert hatten - ohne Zwischenfälle abgehalten werden. Für Andrea Nagy hat auch in Innsbruck bereits ein Wandel eingesetzt, wobei noch viel Aufklärungs- und Gleichberechtigungsarbeit vor der Stadt liegen würde.

„Seit einigen Jahren habe ich das Gefühl, dass auch junge Lesben ins AFLZ (Autonomes FrauenLesbenZentrum, Anm.) kommen und ein ganz anderes Selbstbewusstsein als die ältere Generation an den Tag legen. Einige haben sich in der Schule geoutet. Das hat mich positiv überrascht.“

Ombudschaft in Bozen

Andrea Nagy engagiert sich weiterhin mit Forschungen in diesem Bereich und berichtet, dass der Freien Universität Bozen gerade ein Projektantrag vorgelegt wurde, wo es darum ginge, die Lebenswelt Homosexueller in Südtirol zu erforschen. In Bozen habe die Stadt dem Verein Centaurus (eine Homosexuellen Initiative in Südtirol) eine Ombudschaft überantwortet, die sich etwa um Diskriminierung und Genderfragen kümmern soll. „Das wäre auch etwas für Innsbruck. Gute Tendenzen müssen weiter gefördert werden“, damit das öffentliche Leben in der Tiroler Landeshauptstadt vielfältiger werde, betont Andrea Nagy.

Auch in den anderen Ländern der EU geht der Kampf um Anerkennung weiter. Nicht-Regierungsorganisationen und engagierte Privatvereine veranstalten so genannte Gay Pride Paraden, um LGBT-Personen zu untersützen und auf das Thema aufmerksam zu machen. Aus Budapest wurde am vergangenen Wochenende eine Rekordbeteiligung von rund 8000 Teilnehmern gemeldet. Zwischenfälle blieben leider nicht aus. Störungsfrei hingegen feierten in Madrid ebenfalls am Samstag hunderttausende Menschen die Gay Pride, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Durch diese und auch gesetzliche Initiativen sollen Homosexuelle vom Rand der Gesellschaft endlich in deren Mitte ankommen können.


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