Ägyptens Muslimbruderschaft kämpft nach Putsch ums Überleben

Die Muslimbruderschaft, aus der der gestürzte Präsident Mohammed Mursi stammt, ist die am besten organisierte Kraft des politischen Islam in Ägypten. Nun steht die 85 Jahre alte Gemeinschaft vor großen Herausforderungen.

Von Tom Perry, Reuters

Kairo - Wieder steht die Muslimbruderschaft dem Gegner gegenüber, der die Bewegung schon seit ihrer Gründung bekämpft. Und wieder kann die Muslimbruderschaft dem Militär, das sie um die Macht in Ägypten gebracht hat, wenig entgegensetzen. Nun harren Männer, die vor einer Woche noch Ministerien führten, nahe der Rabaa-Adawija-Moschee im Nordosten Kairos aus. Hier suchen hochrangige Anhänger der Muslimbruderschaft Zuflucht vor der sengenden Sonne und in manchen Fällen auch vor der Polizei. Es scheint, alles, was sie jetzt noch tun können, ist um ihre 51 Toten zu trauern, die am Montag im Kugelhagel der Armee umkamen.

Die Gewalttat könnte den Muslimbrüdern in dieser unsicheren Lage helfen, ihre Anhänger um sich zu scharen. Doch die 85 Jahre alte Gemeinschaft steht vor großen Herausforderungen: Wie soll sie mit der inneren Zerrissenheit und Abspaltungen von der Bewegung umgehen, die ein Resultat ihres Scheiterns sein dürften? Soll sie sich wieder zur Wahl stellen? Und was soll mit den politischen Führern geschehen, die sie in diese verzweifelte Lage überhaupt erst hineinmanövriert haben?

Der Umgang der Muslimbruderschaft mit diesen Fragen wird entscheidenden Einfluss auf das Schicksal der größten arabischen Nation haben. Längst steht die Wirtschaft Ägyptens am Rande des Abgrunds. Die ausländischen Verbündeten fürchten, das Land könne vollends ins Chaos abgleiten.

„Wenn sie uns töten wollen, sind wir bereit zu sterben“

Gehad al-Haddad ist der Sprecher der Muslimbruderschaft, auch er hat sich unter die Männer an der Rabaa-Adawija-Moschee gemischt. Auf die Frage, was nach dem Tod der 51 kommt, hat er eine klare Antwort. „Mehr Wut“, sagte Haddad. „Mehr Wut in den Herzen der Menschen, mehr Leid“. Mohammed Wahab gehört zu der Sicherheitstruppe, die die Bruderschaft für ihr Straßencamp aufgestellt hat. Einige der anderen Wächter haben sich mit Schlagstöcken bewaffnet. Wahab ist unbewaffnet. Aber er sei bereit für einen Angriff des Militärs, erklärt der 32-Jährige: „Wir rechnen damit und warten darauf - wenn sie uns töten wollen, sind wir bereit zu sterben“, sagt Wahab. „Aber wir werden niemals aufhören, friedlich zu sein - selbst, wenn sie auf uns schießen, selbst, wenn wir sterben.“

Auch außerhalb der Muslimbruderschaft bezweifeln viele Experten, dass die Bewegung sich offen von ihrer Jahrzehnte alten Strategie der Gewaltlosigkeit abwenden würde. Das Vorgehen des Militärs gegen den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi erhöht allerdings das Risiko, dass einige Islamisten doch ihr Heil in der Gewalt suchen und die Macht mit Bomben statt über die Wahlurne zurückerobern wollen.

Doch Disziplin ist seit langem ein prägender Charakterzug der alten Bewegung. Auch wenn die Führung der Muslimbrüder durch zahlreiche Festnahmen geschwächt und die Moral nach der schwersten Niederlage in ihrer Geschichte auf dem Tiefpunkt ist, rufen sie ihre Anhänger zum passiven Widerstand bis zum Tod auf. Mursis Sturz dürfte die alte Debatte über die langfristige Strategie der Muslimbruderschaft allerdings wieder aufflammen lassen. Schon in der Vergangenheit war die Bewegung tief gespalten in der Frage, ob sie sich um Regierungsämter bemühen soll.

Prominente Anführer festgenommen

Die neue Führung unter Übergangspräsident Adli Mansur hat die Muslimbrüder eingeladen, sich an den geplanten Wahlen zu beteiligen. Sie bestreitet, dass die Festnahmen prominenter Anführer der Muslimbruderschaft der Unterdrückung der Organisation dienen sollen. Sie würden vielmehr verdächtigt, Straftaten wie Aufrufe zur Gewalt begangen zu haben. Die Muslimbruderschaft selbst dagegen betrachtet das aktuelle Vorgehen der Sicherheitskräfte als Rückfall in ihre dunkelste Vergangenheit, unter anderem an die Verhaftungswelle 1954 unter Präsident Gamal Abdel Nasser. Und die Zukunft könnte noch schlimmer kommen, befürchtet die Bewegung: Nicht einmal der gestürzte Präsident Husni Mubarak ging so weit, einen der obersten Muslimbrüder festzunehmen. Nun ist einer ihrer früheren Anführer, Mehdi Akef, wegen Beleidigung der Justiz und Volksverhetzung angeklagt.

„Auf uns kommt ein Szenario wie 1954 zu“, ist sich Mohammed al-Beltagi sicher. Auch der 50-jährige Arzt und Politiker der Muslimbruderschaft steht wegen Volksverhetzung auf der Fahndungsliste. „Dies wird nicht mit dem Putsch enden, sondern wir werden die Auflösung der Parteien und die Rückkehr des Polizei- und Militärstaates sehen“. Beltagi hat bereits vor dem Ausbruch von Gewalt gewarnt. Seiner Einschätzung nach wird diese Gewalt allerdings nicht von den Muslimbrüdern ausgehen, sondern von radikalen Islamisten, die die Bewegung mit dem Versprechen auf Wandel durch Wahlen an sich gebunden hatte.

„Verwundbarer als jemals unter Mubaraks Herrschaft“

Langfristig wird sich die Muslimbruderschaft entscheiden müssen, ob sie sich wieder der Wahl stellt. In der Vergangenheit hatte stets der Pragmatismus gesiegt, die Gemeinschaft tat, was auch immer nötig war, um ihr Überleben zu sichern. „Ich vermute, sie werden abwarten und sich ins Verborgene zurückziehen“, sagt Joshua Stacher von der amerikanischen Kent-State-Universität. Die Muslimbrüder seien heute weit verwundbarer als jemals unter Mubaraks Herrschaft. „Das Mubarak-Regime hatte niemals die Macht oder die Autorität, das zu tun, was das Militär ihnen jetzt gerade antut“.


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