Überschaubare Spielpläne und Signale aus dem Labor

Hinter den Kulissen des Freien Theaters Innsbruck rumort es: Ein Vorstandsmitglied des neuen Hauses nahm bereits seinen Hut.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –1920 ließ der spätere Nobelpreisträger Luigi Pirandello sechs Bühnencharaktere nach der ordnenden Hand eines Autors suchen und löste damit einen Bühnenskandal und Diskussion über Formen und Inhalte zeitgenössischen Theaters aus. Eine nach wie vor aktuelle Diskussion, die sich auch das im Dezember 2012 eröffnete Freie Theater Innsbruck (FTI) auf die Fahnen geschrieben hat. Mit dem Bau in der Wilhelm-Greil-Straße bekam Innsbrucks freie Theaterszene eine neue Heimstätte und die professionell ausgestattete Möglichkeit zur gegenseitigen Befruchtung. Das neue Theater will Experimentierfeld und Präsentationsplattform sein. Um dies zu gewährleisten, wurden zwei Leitungsgremien ins Leben gerufen: Der Vorstand des FTI verantwortet den regulären Spielplan und der interdisziplinär orientierte Beirat „Vorbrenner“ verwaltet den Labor-Charakter des Hauses. Während die Vorbrenner-Initiativen bislang gut angenommen wurden, sieht sich der FTI-Vorstand gut ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Hauses mit einer schwierigen Situation konfrontiert: Innsbrucks etablierte Gruppen wie das Staatstheater, die monopol oder Theater praesent bevorzugen weiterhin ihre traditionellen Spielstätten.

Dementsprechend übersichtlich gestaltete sich bislang der offizielle Spielplan des Hauses: die No-Budget-Produktion „Kunst!“, einmalige Comedy-Abende, die Abschlussproduktion der Innsbrucker Schauspielschule. Für Außenstehende erscheint das FTI mitunter als das, was es keinesfalls sein will: ein zwar flexibles, aber programmatisch beliebiges Veranstaltungszentrum. Szeneninsider nennen den rund eine Million teuren Bau gar einen „modischem Sarkophag“.

Auch innerhalb des Vorstandes wurde zuletzt Kritik laut. In einem internen Schreiben, das der

TT jetzt vorliegt, erklärte Vorstandsmitglied Florian Eisner bereits Ende Mai seinen Rücktritt. Grund: Der ehemalige Leiter von Theater praesent sieht keine Möglichkeiten, „seine künstlerischen Positionen“ und „sein Verständnis professioneller Theaterarbeit“ umzusetzen. Vielmehr arbeite man sich am FTI an Performances, Seminaren, Stückentwicklung und Workshops ab, was – wie Eisner im Gespräch mit der TT ergänzt – „legitim“, aber mit seinen Vorstellungen nicht vereinbar sei. Einwände, die FTI-Obmann Stefan Raab auf Anfrage der TT

nachvollziehbar und „durchaus diskutabel“ findet. Er weist allerdings auch darauf hin, dass „allen Produktionen, die der Vorstand ans Theater holte, einstimmige Beschlüsse vorausgingen“.

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Auch „Vorbrenner“-Mitglied Andreas Pronegg schlägt in diese Kerbe. Eisners Austritt habe ihn überrascht, „weil er die Möglichkeit hatte, das Feld, das er jetzt verlässt, selbst zu bestellen“. Wenig Verständnis hat Pronegg für die in Eisners Abschiedsschreiben geäußerte Kritik an der zweigleisigen Struktur des FTI. Er könne und wolle das Programm des Vorstands nicht beurteilen, so Pronegg, aber „die Reaktionen auf das bisherige Vorbrenner-Programm sind durchwegs positiv gewesen“. Gerade außerhalb Tirols habe man die Entscheidung Innsbrucks, sich einen Raum zu leisten, der die Grenzen theatraler Formen beständig auslotet, als wichtiges und zukunftsweisendes Signal gedeutet.


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