Eine Therapie fern steriler Räume

„Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ – die Gartentherapie, die zur Behandlung psychisch Kranker angewandt wird, orientiert sich an diesem Credo. Doch auch gesunde Gartenliebhaber profitieren vielfach von der Arbeit im Grünen.

Von Judith Sam

Steht vor Ihrer Haustüre auch ein äußerst effizientes „Therapiezentrum“? „Die Arbeit im Garten wird oft unterschätzt – denn sie dient nicht nur dem Pflanzen von Blumen sowie Anbau von Gemüse, sie hat auch therapeutische Wirkung“, verspricht Konrad Neuberger. Laut dem deutschen Gartentherapeuten genesen psychisch Kranke rascher, wenn sie regelmäßig ernten, säen und hegen: „Denn ein Patient, der im Garten werkt, ist bald nicht mehr der Betreute – er wird zum Betreuer.“

Das Therapiekonzept, das bereits im 18. Jahrhundert angewendet wurde, ist keine eigenständige Disziplin unter den Behandlungsformen: „Sie verbindet Fragmente aus der Physio-, Ergo-, Sozial- und Verhaltenstherapie.“

Bei der Arbeit im Grünen ginge es nicht darum, die größten Früchte zu züchten, sondern Gefühle und Gedanken zu ordnen, zu reinigen und zu lernen, sich selbst neu zu betrachten. Im Therapiezentrum Hof Sondern im Wuppertal betreut Neuberger mit Jugendlichen, die „Störungen im Denken und Fühlen“ aufweisen, mehrere Gärten.

Das Therapie-Credo lautet: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. „Studien belegen, dass sich die Gedanken und Gefühle der Menschen synchronisieren, wenn sie derselben Tätigkeit nachgehen“, weiß Neuberger – was läge also näher, als bei der Gartenarbeit dezent erste Unterhaltungen mit gestrauchelten Teenagern zu knüpfen.

Während sie erst langsam an die Vorteile des „Gartelns“ herangeführt werden müssten, würden gesunde Gartenfreunde schon lange davon profitieren: „Denn die unzähligen positiven Nebeneffekte dieser Arbeit – wie sensorische, motorische Fähigkeiten und Entspannung – sind für Gesunde wie Kranke dieselben.“

Der erste therapeutische Schritt ist die Bodenvorbereitung: „Das Beseitigen der Steine, die im Weg liegen, kann man auch metaphorisch betrachten. Denn man muss auch die Steine in seinem Leben Tag für Tag wegräumen. Nur im Garten sieht man den Effekt seiner Arbeit meist rascher.“ Natürlich unterscheiden sich die Wirkungen der einzelnen Aufgaben: „Das Umgraben der Erde erleben viele als aufwühlend. Das Ebnen mit einem Rechen ist hingegen äußerst beruhigend.“ Beim zweiten Schritt – dem Säen – entwickelt sich die Vorfreude auf Neues: „Ein Samenkorn hat noch keine Ähnlichkeit mit der fertigen Pflanze.“ Das weckt laut dem früheren Pädagogen die Idee, dass man an sich selbst auch Entwicklung und Veränderung wahrnehmen und fördern kann: „Besonders Jugendliche mit Drogen- und Gewaltvergangenheit erleben hier zum ersten Mal in ihrem Leben, dass ihnen etwas gelingt und aus ihrer Hand Lebenswertes sprießt.“

Anschließend gilt es, das Pflänzchen zu pflegen: „Man trägt Verantwortung, lernt sich zu strukturieren und wird sensitiv für seine Umwelt. Im Optimalfall geht die Pflanzenpflege sogar in Selbstpflege über.“

Das größte Erfolgserlebnis ist laut Neuberger natürlich die Ernte: „Sie würden sich wundern, wie viele Jugendliche es kaum fassen können, dass ihre geliebten Pommes einst als Kartoffeln in der Erde gewachsen sind.“

Sogar Aufgaben, bei denen man im ersten Moment nicht an Entspannung denkt, seien effizient für die Psyche: „Beispiel Rasenmähen. Stellen Sie sich ein ungemähtes Rasenstück vor und nutzen Sie dabei Ihren ganzen Körper als Wahrnehmungsorgan. Lassen Sie das Bild auf sich wirken, mähen Sie und betrachten anschließend die gepflegte Wiese.“ Über die neuronale Vernetzung würde jeder Muskel, sogar jedes Organ auf den Eindruck der Augen reagieren: „Dieses ,Spürbewusstsein‘ wird Ihnen rückmelden, dass das Auge auf der frisch gemähten Wiese nichts findet, was ihm auffällt, es irritiert.“ Folglich setze ein wunderbares Gefühl der Entspannung und Ausgeglichenheit ein: „Das reicht bis hin zur Schläfrigkeit.“

Die positive Wirkung der Arbeit im Grünen hält laut Neuberger länger an, als man vermuten würde: „Laut Studien wirkt sich bereits ein Blick auf seinen Garten oder einen dort gepflückten Blumenstrauß positiv auf die Psyche aus.“


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