Literarische Kuckuckseier

J. K. Rowling hat einen Roman unter einem Pseudonym veröffentlicht und steht damit in einer langen Tradition. Doch was einst widrigen Umständen geschuldet war, ist jetzt ein geschickter PR-Schachzug.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Autorennamen sind mitunter das Einzige, worauf die PR-Strategen der Buchbranche wirklich bauen können. Mit ihnen lässt sich die für ansehnliche Verkaufszahle­n nötige Erwartungshaltung erzeugen. Wenn beispielsweise ein neuer Roman von Peter Handke angekündigt ist, läuft sich die Maschinerie bereits Wochen vor Erscheinen warm: Interviews werden geführt, Feuilletonseiten füllen­de Mutmaßungen veröffentlicht, dann kommen erste Besprechungen – und alle sind zufrieden. Auch die Konsumenten. Schließlich lesen die nicht irgendwas, sondern den „neuen Handke“. Es gibt mittlerweile zahlreiche Verlage, die sich darauf spezialisiert haben, Prominenz zu verhökern. Nur so lassen sich die zahllosen Stars und Sternchen erklären, die auf den einschlägigen Buchmessen ihre Lebenserinnerungen präsentieren.

Die britische Autorin J. K. Rowling, die mit der „Harry Potter“-Reihe zur Auflagenkönigin wurde, hat bereits mehrfach bewiesen, dass sie alle Erfordernisse des Marktes, das Wechselspiel von Erwartungshaltung und Geheimniskrämerei, erfüllt. Ihre Bücher lösen – unabhängig von Inhalt und Qualität – einen medialen Erregungszustand aus. Diesem Hyp­e, den sie bislang meisterhaft dirigiert hat, wollte Rowling mit ihrem neuen Werk entgehen, veröffentlichte im April dieses Jahres „The Cuckoo’s Calling“ unter falschem Namen und ließ sich jetzt öffentlichkeitswirksam enttarnen.

Ganz neu ist diese Methode freilich nicht: Stephen King, lange Jahre das exemplarische Modell eines Autors, der sein­e eigene Marke geworden ist, veröffentlichte in den 1970ern unter dem Namen Richard Bachman mehrere Romane. Zum einen tat er das, weil man dem Vielschreiber nahelegt­e, dass ein King-Buch im Jahr ausreiche. Zum anderen wollte er herausfinden, ob Leser und Kritiker seine Texte auch dann annehmen, wenn sie nicht mit dem Autor des Kinohits „Carri­e“ in Verbindung gebracht wurden. Wirkliche Wertschätzung erfuhren die Bachman-Bücher allerdings erst, nachdem sich ihr wahrer Autor zu erkennen gab. Heute gelten vor allem „Menschenjagd“ und „Todesmarsch“ als wichtige Werke des „Master of Horror“. Auch Julian Barnes, der Schöpfer hinter­sinniger Vexir-Spiele wie „Flauberts Papagei“, frönte in den 1980er-Jahren seiner einträglichen Liebe zu abgründige­n Kriminalromanen, die er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh veröffentlichte.

In Zeiten von Zensur und drakonischen Strafen war das Pseudonym mitunter die einzig­e Möglichkeit von Autoren, ihre Werke in Umlauf zu bringen. Erich Kästner etwa, der mitansehen musste, wie seine Bücher öffentlich verbrannt werden, umging das ihm von den Nazis auferlegt­e Publikationsverbot, indem er seine Werke mit Berthold Bürger zeichnete. Oder Mohammed Moulessehoul, der kritische Romane über sein von Bürgerkrieg und Korruption ausgezehrtes Heimatland Algerien schrieb, und sie als Yasmin­a Khadra, dem Namen seiner Frau, publizierte.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Den umgekehrten Weg gingen im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Autorinnen, die sich von einem männlichen Pseudonym bessere Chancen erhofften, dass ihre Werke von Verlegern wahr- und ernstgenommen wurden: So veröffentlichte Charlotte Brontë zunächst als Currer Bell, Amantine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil nannte sich Georg­e Sand und Mary Ann Evans wurde zu George Eliot. J. K. Rowlings Entscheidung, ihr literarisches Kuckucksei einem gewissen Robert Galbraith zuzuschreiben, hatte wohl ander­e Gründe: Als geschäftstüchtiger PR-Profi hat sie bereits eine Fortsetzung von „The Cuckoo’s Calling“ angekündigt – dann wohl unter ihrem echte­n Name­n.


Kommentieren


Schlagworte