Flirten, fluchen, Freiheit suchen

Bei den „Haller Gassenspielen“ trifft ein tolles Weib auf weibstolle Männer. Und eine Freiluft-Inszenierung voll ins Schwarze.

Von Christiane Fasching

Hall –Der Bachlechnerplatz sieht aus, als wäre er in ein Zeitloch gefallen. Leintücher und Liebestöter flattern im Abendwind und säumen den Weg zu einer kargen Wirtsstube, die nicht ins 21. Jahrhundert passt. „Schaltet’s die Handys aus“, ertönt’s da plötzlich. Die Ansage wird von schmissigem Sound untermalt, damit’s jeder kapiert: Die nächsten zwei Stunden herrscht Smartphone-Verbot, auch weniger kluge Geräte haben in der Welt von Mirandolina (Michaela Wurzer) nichts verloren. „Die Wirtin“ hat mit diesem neumodischen Kram nichts am Hut, sie hat andere Sorgen: Männer. Gleich drei machen ihr den Hof, ein Vierter macht sich überhaupt nichts aus ihr. Weil er, der Cavaliere von Rippafratta (Martin Moritz), Frauen für kranke Wesen hält, die nur Mondphasen und Blumenvasen im Kopf haben. Kurzum: Er hasst „Weiber“.

Doch warum haben die drei Herren einen Narren an der patenten Signora gefressen? Der Graf von Forlinpopoli (Christian Margreiter) ist ein testosterongebeutelter Bock, dem jedes Dekolleté recht ist. Der Marchese von Albafiorita (Markus Knauseder) ist zwar auch kein Kostverächter, doch treibt den finanzschwachen Blaublütler mehr der profane Hunger in die Arme der betuchten Gastronomin. Der durchtriebene Kellner Fabrizio (Georg Mader) wiederum will nicht nur ausgehalten werden, der lautstark fluchende Strizzi will gleich den Hausherren markieren. Und was macht die Chefin? Die wirft sich dem zwideren Frauenhasser an den weiß gepuderten Hals – aber auch nur, um ihm zu zeigen, dass sie weder Heilige noch Hure ist, sondern ein Mensch, der nach Freiheit giert.

Peter Turrinis Goldoni-Variation hat’s in sich – und ist in der rasanten Inszenierung von Alexander Sackl, dem künstlerischen Leiter der „Haller Gassenspiele“, ein wahrer Leckerbissen. Das größtenteils mit Laien besetzte Ensemble fegt mitreißend durch die hickhackreiche Handlung, die von einem ohrwurmverdächtigen Soundtrack begleitet wird. Die Kompositionen, die live zum Besten gegeben werden (Christina Neßmann am Baritonsax), stammen ebenfalls von Regisseur Sackl, der auch zum Akkordeon greift. Das geht ins Ohr und in die Beine: Der Brunfttanz des geilen Grafen hat das Zeug zum neuen Sommertanz! Für Amüsement sorgen aber auch die derben Sprüche von Ortensia (Barbara Weber) und Dejanara (Nina Arch), die sich, trotz ordinärer Herkunft, als adelige Damen ausgeben, um das Liebeschaos perfekt zu machen. Dass einem nach zwei Stunden Theaterspaß zum Schluss dann das Lachen im Hals stecken bleibt, mag zwar Happy-End-gewohnte Zuschauer etwas befremden, verleiht der Inszenierung aber mehr Tiefe. So soll Sommertheater sein. Infos: www.gassenspiele.at


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