Alle Menschen werden Brüder

„Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz“ oder: ein europäischer Roman vom Reißbrett.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Gabriel Delacruz ist ein Mann ungewisser Herkunft und „passiver Don Juan“. Aus der Perspektivelosigkeit von General Francos Operetten-Staat flüchtet er sich regelmäßig in die offenen Arme des freien Europas. Zeugt als möbelpackender Fernfahrer vier Söhne mit vier verschiedenen Frauen und gibt allen den vielversprechenden Entdeckernamen Christof mit auf den vaterlosen Lebensweg. Eine Polizeiuntersuchung nach Gabriels offiziellem Verschwinden führt die vier Brüder erstmals zusammen: Cristòfol aus Barcelona, Christopher aus London, Christophe aus Paris und Christof aus Frankfurt am Main. Gemeinsam macht sich die paneuropäische Brüderbande auf die Suche nach ihrem Erzeuger und nach Antworten für dessen Verschwinden. So wird – ausgehend von seltsam einförmigen Erinnerungsfetzen – das Leben von Gabriel Delacruz, der bis auf zwei gepackte Koffer in einer heruntergekommenen Wohnung nichts zurückließ, rekapituliert.

Im Mittelpunkt von Jordi Puntís Romandebüt stehen also weniger die sich verzweigenden Suchbewegungen der Vaterlosen, als die – zumindest in der deutschen Ausgabe – titelgebenden Irrfahrten des traumatisierten Hallodris Gabriel, der als Waisenkind am Rande der Gesellschaft groß und zum Getriebenen wurde. Dieses fragmentarische Roadmovie besticht durch einen Hang zu bizarren Begebenheiten, überraschenden Ploteinfällen und liebvoll abseitigen Nebenfiguren. Aber, wie es sich für Irrfahrten gehört, allzu oft verlaufen sich die Schilderungen im anekdotisch Banalen und verlieren sich in überbordender Geschwätzigkeit. Auch der Erzählkniff, große Teile des Romans von den vier „Christofs“ in der ersten Person Plural erzählen zu lassen – wohl um die genetischen und vergleichbaren Erfahrungen geschuldeten Gemeinsamkeiten zu unterstreichen – wird dem Roman schnell zum Verhängnis. Die einzelnen Charaktere kommen allen eigenwilligen und wortreich beschworenen Marotten zum Trotz nicht über den Status von papierernen Kunstfiguren hinaus. Und als solche stehen sie vergleichsweise leblos ganz im Dienst von Puntís großem Entwurf. Getreu dem Schiller’schen Wort von allen Menschen, die Brüder werden, versucht sich der 45-Jährige am Reißbrett an der literarischen Quadratur des Kreises: einen Roman, der Methapher für den grenzüberschreitenden europäischen Gedanken sein will und gleichzeitig regionalen Eigenheiten huldigt. Ein fraglos ehrenwertes Unterfangen, aber für den irrfahrenden Gabriel Delacruz dann doch eine Nummer zu groß.

Jordi Puntí. Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz. Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer, 600 Seiten, 20,60 Euro.

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