Die Serientäter, die jetzt in Serie gehen

Der Psycho und der Kannibale: Norman Bates und Hannibal Lecter, die prominentesten Serienkiller der Kinogeschichte, morden jetzt im Fernsehen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Norman Bates, das bedrohlichste Muttersöhnchen der Filmgeschichte, kehrt zurück. Die US-Serie „Bates Motel“ erzählt vom Werden eines Psychopathen, von schwierigen Verhältnissen, einer besitzergreifenden Mutter und einer „verhaltensauffälligen“ Adoleszenz in einem kalifornischen Kaff.

Obwohl Serienschöpfer Carlton Cuse, der unter anderem bei J. J. Abrams’ TV-Hit „Lost“ mitgearbeitet hat, regelmäßig unterstreicht, dass zwischen „Bates Motel“ und Alfred Hitchcocks epochemachendem Kinoschocker „Psycho“ (1960) nur ein loses Verwandschaftsverhältnis besteht, wird schon in Folge eins die große Andeutungsmaschine angeworfen. Küchen­messer blitzen auf, Duschvorhänge werden angebracht, und dass bald Blut fließen wird, kommt nicht wirklich überraschend. Gespielt wird der junge Norman von dem 20-jährigen Briten Freddie Highmore. In die Rolle der ebenso undurchsichtigen wie wenig zimperlichen Mutter schlüpft Ver­a Farmiga – bekannt aus den Kinofilmen „Departed“ (2006) und „Up in the Air“ (2009), der ihr ein­e Oscarnominierung als beste Nebendarstellerin einbracht­e. Wann „Bates Motel“ im deutschsprachigen Free-TV zu sehen sein wird, ist noch nicht geklärt. Die Rechte für die Erstausstrahlung der 10-teiligen ersten Staffel (an weiteren zehn Folgen wird zurzeit gearbeitet) sicherte sich „Universal Channel“, der ab September über Sky empfangbar sein wird. Die amerikanische Kritik ist derweil hellauf begeistert vom neuen „Hannibal“. Die Serie sei eine „meisterhafte Kombination aus Subtilität und Schonungslosigkeit“, urteilte etwa das Branchenblatt Variety.

Norman Bates ist nämlich nicht der einzige Serien­killer, der zurzeit sein­e Renaissance auf dem kleinen Bildschirm erlebt. Auch Hannibal „The Cannibal“ Lecter, der aus „Das Schweigen der Lämmer“ (1991), „Hannibal“ (2001) und „Roter Drache“ (2006) hinlänglich bekannt­e kunstbeflissene Psychiater und Feinschmecker mit Vorliebe für ausgefallene Rezeptvariationen („Ich genoss ihre Leber mit Fava-Bohnen und einem Glas Chianti“), kehrt als Serien-Antiheld zurück. Wie schon die Filme ist auch „Hannibal“ nichts für zart besaitete Gemüter, sondern der opulent aufbereitete Abstieg in gleich zwei kranke Hirne.

Der labile FBI-Agent Will Graham (Hugh Dancy) soll von Schickimicki-Seelenklempner Lecter (Mads Mikkelsen) kuriert werden und sich auf die Jagd nach dem „Chesapeake“-Kille­r machen. Auf die Idee, dass es sich bei dem Serienkiller, der seinen Opfern die Organe entnimmt, ausgerechnet um Lecter handelt, kommt Graham nicht. Und dass er bei einem opulenten Abendessen mit seinem Psychiater wichtiges Beweismaterial verspeist, weiß auch nur der Zuschauer – genauer der Zuschauer und Lecters eigene Therapeutin („Akte X“-Star Gillian Anderson, der ein beeindruckendes TV-Comeback gelingt). Die hat allerdings selbst gute Gründe dafür, ihre Vermutung für sich zu behalten. Seine Premiere im deutschen Sprachraum soll „Hannibal“ noch in diesem Jahr auf Sat.1 feiern.

Die Frage, warum zwei der prominentesten Serientäter der Popkultur ausgerechnet jetzt die Bildschirme erobern, ist schnell beantwortet. Beid­e Serien wollen vom Erfolg von „Dexter“ profitieren. Schließlich hat die US-Serie gezeigt, dass es für TV-Sender ein einträgliches Geschäft sein kann, einem Mörder über die Schulter zu schauen. Ein Faktum, das auch die britische Erfolgsserie „Ripper Street“ unterstreicht, die Jack the Ripper wiederbelebte und ab 30. August auf RTL Crime zu sehen sein wird. Außerdem ist die in den USA gerade zu Ende gegangene achte Staffel von Platzhirsch „Dexter“ die – laut Produzentin Sara Colleton – „definitiv letzte“. Was liegt dann näher, als dem drohende Vakuum mit zwei bereits etablierten Killern zu begegnen? Schließlich hat das Publikum sprichwörtlich Blut geleckt.


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