„Marke Tirol muss breiter werden“

Für LH Günther Platter (VP) decken die guten Nächtigungszahlen die wahren Probleme im heimischen Tourismus zu, MCI-Rektor Andreas Altmann hofft auf eine politische Ansage für eine Technologieregion Tirol.

© Thomas Böhm / TT

Die EU-Regionalstudie sorgt für Aufregung. Tirol ist im Ranking abgerutscht, die Politik reagierte reflexartig und will selbst eine Studie machen. Ein richtiger Weg?

Andreas Altmann: Mit einigen Indikatoren der Studie bin ich nicht glücklich, weil ich mich frage, ob man schon das Richtige misst. Allerdings sollte man sich anschauen, was andere gut machen und was wir verbessern könnten. Ob gut oder schlecht – ein Blick von außen ist immer gut.

Günther Platter: Es gibt keinen politischen Reflex, aber in Teilbereichen werden Äpfel mit Birnen verglichen. Wir geben keine neue Studie in Auftrag, sondern die vorliegende wird von internationalen Experten durchleuchtet: Wo ist methodisch etwas falsch gelaufen, und wo haben wir Nachholbedarf? Dass wir in der Bildungspolitik nicht gut abschneiden, kann ich nachvollziehen.

Altmann: Da geht es jetzt ums eigentliche Thema: Wo soll Tirol stehen? Was die Internationalisierung oder die Technologieoffensive betrifft, wurde in Tirol sehr viel initiiert. Trotzdem könnten wir bei Bildung, Forschung und Unternehmensgründungen mehr machen. Und ich würde mir die Ansage wünschen, dass Tirol eine Technologieregion auf Basis eines funktionierenden Tourismus wird.

Platter: Das Bildungsthema alleine wäre zu wenig. Wir müssen uns vor allem mit der Einkommens- und Wohnungssituation sowie mit der Armut auseinandersetzen. Die Bildung ist aber der Schlüssel dafür, dass die Menschen Arbeit und ein Einkommen haben. Jedes zusätzliche Bildungsjahr bringt um sieben bis zehn Prozent mehr Einkommen. Bildung, Forschung, Internationalisierung und Professionalisierung stehen deshalb im Zentrum meiner Politik.

Zuletzt gingen bei uns Hunderte Jobs verloren. Wie kann der Standort Tirol attraktiver werden?

Altmann: Um ein Land nach vorne zu entwickeln, müssen Menschen die Möglichkeit haben, Einkommen zu erzielen. Deshalb müssen Technologie und Innovation gefördert werden. Disziplinen, die besonders gefragt sind, wie zum Beispiel Biotechnologie, Umwelttechnik, IT oder Mechatronik, sollten ausgebaut werden. Damit so wenig Menschen wie möglich die Sozialleistungen des Staates in Anspruch nehmen müssen, sondern damit sie zu denjenigen gehören, die den Sozialstaat finanzieren.

Platter: Die Regionalstudie hat aufgezeigt, dass es im technischen Bereich Nachholbedarf gibt. Trotzdem können wir bei Mechatronik oder Elektrotechnik Erfolge vorweisen. 2600 Studenten haben wir in technischen Fächern. Sich nur auf die technischen Berufe zu konzentrieren, wäre falsch. Der Tourismus ist nach wie vor Job-Motor. Wir liegen bei den Arbeitsmarktdaten international auch deshalb gut, weil wir eine starke Industrie haben. Noch nie gab es eine so hohe Exportquote. Wir haben viele Klein- und Mittelbetriebe und den Tourismus. Wichtig ist auch der Leistungsgedanke, die jungen Menschen brauchen ihn im Job.

Altmann: Aus unterschiedlichen Gründen wird der Leistungsbegriff als alter Zopf gesehen. Am MCI versuchen wir Leistung positiv zu emotionalisieren. Neben den Aufnahmetests führen wir jährlich 3500 persönliche Aufnahmegespräche durch. Wer einen Studienplatz hat, ist stolz darauf und lässt nicht gleich beim ersten Gegenwind das Studium sausen. Wir versuchen, diese Lust auf Leistung zu fördern.

Platter: Nicht nur im akademischen Bereich benötigt es den Leistungsgedanken. Sobald man als Lehrling anfängt, muss man Leistung erbringen. Der Unternehmer erwartet sich zu Recht Leistung und der Arbeitnehmer vom Betriebsinhaber, dass er ein positives Arbeitsklima und vor allem Arbeit schafft.

Mit Innovation soll Tirol nach vorne kommen, hieß es in Alpbach. Wo und wie kann Tirol innovativ sein?

Platter: Energie, Elektromobilität, Umwelt oder die Tourismusforschung sind solche Zukunftsthemen. Im Tourismus stehen wir im Wettbewerb mit allen Destinationen. Es benötigt daher Strategien, wohin wir uns entwickeln sollen. Welche Auswirkungen hat etwa der Klimawandel auf die Gletscher oder den Skisport? Das betrifft auch die Dachmarke Tirol. Sie darf nicht allein vom Tourismus in Anspruch genommen werden. Ich sehe die Markenbildung „Tirol“ breiter. Die Marke Tirol sollte künftig auch für andere Bereiche genutzt werden.

Altmann: Jeder Markenbildungsprozess muss vorerst klären, was sind unsere Stärken und wofür stehen wir. Die schöne Landschaft allein ist es nicht, denn auch woanders ist es schön. Man muss die Standortvorteile hervorstreichen – vom Industrie- bis zum Gesundheitssektor – und miteinander verknüpfen. Potenzial hätte der Tourismus beispielsweise beim E-Commerce. Da geht es nicht um Buchungsplattformen, sondern darum, wie der Tourismus mit der Informationstechnologie verknüpft wird. Durch Vernetzung entstehen zusätzliche Stärken.

Platter: Wir haben es bisher verstanden, unsere Potenziale zu nützen. Sonst würde es nicht so gut im Tourismus funktionieren. Allerdings werden bestehende Probleme von hervorragenden Nächtigungszahlen und dem starken Winter zugedeckt. Das Preisdumping ist ein Faktum. Nur, wenn ich nichts mehr verdiene, kann ich mich auch nicht weiterentwickeln. Manche Betriebe sperren im Sommer gar nicht mehr auf, weil es sich nicht mehr rentiert.

Was läuft falsch im Tiroler Tourismus?

Altmann: Tourismusforschung beschränkt sich nicht darauf, herauszufinden, wie Betten gefüllt oder Betriebe geführt werden können, sondern wie erziele ich mit einem Gesamtprodukt einen Mehrwert und Wertschöpfung. Entscheidend ist, wie der Tourismus von den Universitäten, der Kultur, aber auch von der Industrie profitieren kann und vice versa.

Platter: Das sehe ich genauso. Es benötigt einen wertschöpfungsintensiven und vernetzten Tourismus in Tirol.

Wie fällt nach drei Monaten schwarz-grüner Regierung der Blick von außen aus?

Altmann: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Es gibt derzeit eine Neugierde und eine positive Erwartungshaltung, danach wird sich herauskristallisieren, welche Ideen leistbar, umsetzbar und politisch kompatibel sind.

Platter: Die Erwartungshaltung, etwas Neues zu machen und nicht die bisherige Koalition fortzuschreiben, war in der Bevölkerung da. Wir wollen mit den Grünen eine Reformpartnerschaft bilden und offen sein für neue Wege. Ich möchte Tirol mit einer starken Dachmarke neu positionieren, gleichzeitig keine „Mir-san-mir“-Mentalität fördern, sondern die Zusammenarbeit in der Europaregion Tirol und mit Bayern ausbauen.

Altmann: Aus Tiroler Sicht ist der Blick nach Bayern und in die Euregio wichtig. Dabei geht es nicht um Vorbehalte gegenüber Ostösterreich, sondern um die Frage der künftigen Strategie. Was kann man tun, damit sich die österreichische Politik wirtschaftlich nicht nur an Mittel- und Osteuropa orientiert. Die Euregio und die Achse München-Tirol sind große Chancen.

Platter: Wir sind im Wettbewerb, auch im politischen. Nur wenn wir die Kräfte bündeln, können wir erfolgreich sein. Mit der Alpenstrategie und der Europaregion haben wir eine klare Strategie. Es macht einen Unterschied, ob ich alleine in Brüssel auftrete oder gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Südtirols LH Luis Durnwalder.

Altmann: Und letztlich sollte es möglich sein, dass Tirol auch von der Wertschöpfung der bayerischen Konzerne profitiert.

Stets ist von Leuchtturmprojekten die Rede. Was wäre eines für Tirol?

Platter: Dass wir die Hochschullandschaft mit den Universitäten und Fachhochschulen in Tirol neu definieren und zusammenführen, egal ob Bund oder Land dafür zuständig sind. Dazu gehört eine Wissensgemeinschaft und eine gemeinsame Positionierung in der Euregio, um im Europa der Regionen erfolgreich zu sein.

Altmann: Ich denke an einen integrierten Wissenschafts-, Bildungs- und Hochschulkonzern in Tirol. Die Konzernführung darf nicht im luftleeren Raum agieren, sondern hat das gemeinsame Ganze mit dem Standort bzw. dem Land zu suchen.

Das Gespräch führte Peter Nindler


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