Strawinsky im Big Brother Haus

Wiederaufnahme von Martin Kušejs Erfolgsproduktion „The Rake’s Progress“ im Theater an der Wien.

Von Stefan Musil

Wien –„Wer sich an die Achtzigerjahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt“, dieser Ausspruch von Falco wird im Programmheft zu Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“ im Theater an der Wien zitiert. Wie gut, dass diese Produktion 2008 herauskam. Daher erinnert man sich noch, dass Martin Kušej inszenierte und Nikolaus Harnoncourt dirigierte. Die aktuelle Wiederaufnahme macht Sinn. Auf Strawinskys von William Hogarths Bildern inspiriert­e Oper folgt im Oktober eine Uraufführung: Der britische Komponist Iain Bell hat sich Hogarths Zyklus „A Harlot’s Progress“ vorgenommen.

Kušej lässt die Strawinsky-Oper in der Gegenwart spielen und setzt zur großen Medienkritik an. Tom Rakewell und Anne Trulove kiffen gelangweilt vor dem Fernseher, bis der Bösewicht Nick Shadow auftaucht. Ab sofort ist die Kamer­a immer im Spiel und irgendwo auf der Bühne flimmert ein TV-Gerät. Tom durchlebt den Aufstieg, aber auch den Fall, den viele der Stars, Sternchen, C-Promis und Nobodys dank der nach immer neuen Gesichtern gierenden Fernsehmacher bei allen möglichen, unmöglichen und unerheblichen Auftritten vor Millionenpublikum erleben. Seine Hermaphroditen-Braut Baba the Turk wird Tom per TV-Zuspielung schmackhaft gemacht, wie sie plappert und ihren Penis in die Kamer­a hält. Im Epilog, wenn die Protagonisten erkennen, dass der Teufel immer und für jeden Beschäftigung findet, stehen sie im Orchestergraben und schauen zugleich aus einem Flachbildschirm von der Bühn­e, wo sie Studiogäste der Barbara-Karlich-Show sind. Die Karlich-Show läuft auch fünf Jahre später noch immer. Und erst kürzlich konnte man Jenny Elvers bei „Big Brother“ über ihre Alkohol-Probleme sprechen hören und den Schauspieler Martin Semmelrogge ganz ungeniert unter der Dusche sehen. Es hat sich also wenig geändert in diesen fünf Jahren – vermutlich ist die Schamgrenze noch tiefer gesunken. Sogar aus dem noch zur Premiere ausgerufenen Jugendverbot, mit dem damals genau die kritisierten Mechanismen beschworen wurden, ist inzwischen der Hinweis „Aufgrund von Nacktszenen wird der Zutritt Personen erst ab 16 Jahren empfohlen“ geworden. Die beabsichtigt müden Sexübungen in der Bordell-­Szene regen auch 2013 niemanden auf.

Herbert Stöger hat Kušejs nach wie vor überzeugende Inszenierung mit teils neuer Besetzung sauber einstudiert. Allerdings hat man den Abend doch ein wenig packender in Erinnerung. Vielleicht hätte man etwas nacharbeiten müssen. Auch vom Dirigenten Michael Boder, der das Werk am Pult des ausgezeichneten ORF Radio-Symphonieorchester präzise und mustergültig einstudiert hat, könnte man sich etwas mehr Schwung erwarten. Toby Spence als Tom ist wie in der Premiere auch jetzt ein treffliches Opfer von Nick Shadow, den diesmal Bo Skovhus darstellerisch prägnant gibt. Anna Prohaska heißt die neue, adrette Soprantöne liefernde Anne Trulove.

Wie schon bei der Premiere überzeugen Anne Sofie von Otter als präsente Baba the Turk, Manfred Hemm als Trulove, Carole Wilson als Mother Goose, Gerhard Siegel als Auktionator und der ausgezeichnete Arnold Schoenberg Chor. Ein Abend, der mit großer Zustimmung für Musiker und Regie zu Ende ging.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Kommentieren


Schlagworte