Nervenkrieg mit Amokläufer: Todesschütze hielt Österreich in Atem

Drei tote Polizisten, ein toter Sanitäter, hundert Beamte und Panzer des Bundesheeres im Einsatz: Was sich am Dienstag in Annaberg und in Großpriel bei Melk in Niederösterreich abgespielt hat, ist beispiellos. Die Polizei und das Heer belagerten stundenlang den Hof, in dem sich der Todesschütze verschanzt hatte.

Alois H. hat in der Nacht auf den 17. September 2013 in Annaberg (NÖ) drei Polizeibeamte und einen Sanitäter getötet.
© APA/ROBERT JAEGER

Großpriel, Annaberg – Er lebte allein, war Transportunternehmer und Jäger. 55 Jahre lang blieb er völlig unauffällig. Doch am Dienstag in den Morgenstunden wurde aus dem Mann ein Polizisten-Mörder, der nicht nur einen, sondern gleich drei Exekutivbeamte auf dem Gewissen hat - und stundenlang mehr als 100 Polizisten und sogar Soldaten des Heeres, die samt Panzer angerückt waren, in Atem hielt.

Eines seiner Opfer war ein bestens ausgebildeter Angehöriger der Spezialeinheit Cobra. Die beiden anderen Polizisten fuhren Streife. Und zu allem Überfluss wurde ein Sanitäter, der sich dem Retten von Leben verschrieben hatte, zum Kollateralschaden einer misslungenen Polizeiaktion, die ursprünglich ein Ziel hatte: einen Wilderer festzunehmen.

Was in einem beispiellosen Blutbad endete, nahm seinen Ausgang in der Nähe von Annaberg im Bezirk Lilienfeld in Niederösterreich. Seit Jahren trieb in der Gegend eine Wildererbande ihr Unwesen. Die eigens eingerichtete Sonderkommission, zu der auch die Cobra hinzugezogen worden war, ging von mehreren Tätern aus. Diese schossen aus Fahrzeugen auf Hirsche und legten die Kadaver anschließend an oder auf Straßen ab.

Offenbar gab es in der Nacht Hinweise darauf, dass es wieder zu Wilderei im Bezirk kam. Die Polizei rückte zu einer Überwachungsaktion in der Umgebung von Annaberg aus. Eine Straßensperre wurde eingerichtet und man bereitete sich auf Stunden mit Fahrzeug- und Lenkerkontrollen ein und hoffte auf einen Treffer.

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Dann näherte sich beiden Cobra-Beamten ein Fahrzeug. Am Steuer saß ein Mann, der nicht daran dachte, sich von der Sperre oder den Beamten stoppen zu lassen. Entschlossen versuchte er mit seinem Auto die Barriere zu durchbrechen. Der resultierende Schaden hinterließ den Pkw fahruntüchtig. Der Lenker eröffnete daraufhin sofort das Feuer. Schoss um sich, traf einen der Beamten und türmte.

Schüsse aus dem Hinterhalt

Der zweite Cobra-Beamte alarmierte sofort die Rettung. Er kam seinem Kamaraden zur Hilfe und kümmerte sich im ersten Moment nicht um den Schützen. Zähe Minuten verrannen bis Rettungskräfte am Tatort eintrafen. Die Sanitäter eilten zum Verletzten. 50 Minuten nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, fielen weitere aus dem Hinterhalt. Die Attacke traf die kleine Gruppe, die verzweifelt um das Leben des angeschossenen Cobra-Beamten kämpfte, völlig unvorbereitet.

Der Fahrer des Rotkreuzwagens sackte in sich zusammen. Er wurde durch einen Schuss so schwer verwundet, dass er noch vor Ort starb. Auch der zweite Cobra-Beamte wurde getroffen. Er überlebte verletzt. Das erste Opfer des Schützen starb wenig später in der Klinik.

Während Ärzte ihren verzweifelten Kampf um das Leben des Verwundeten führten, machte sich der Mann aus dem Staub. Er flüchtete zu Fuß, lief ein paar Kilometer und stieß an einer Kreuzung der Bundesstraßen 20 und 28 auf einen Streifenwagen. Der Mann eröffnete gnadenlos und ohne zu zögern das Feuer. Dabei traf er einen Beamten, ein Polizist aus Scheibbs, tödlich in den Kopf.

Den Kollegen des inzwischen dritten Todesopfers nahm der Schütze als Geisel. Mit dem Polizeiauto der Streife raste er zu seinem Bauernhof bei der Ortschaft Großpriel bei Melk. Nach der rund 60 Kilometer langen Fahrt verschanzte sich der Mann, dessen Identität bis zu diesem Zeitpunkt unklar war, in seinem Haus, bewaffnet bis an die Zähne und offenbar bis aufs Äußerste entschlossen, sich nicht wehrlos dingfest machen zu lassen.

Bundesheer rückte mit Panzern an

Gegen sieben Uhr am Dienstag traf nach und nach eine Hundertschaft an Polizisten am Vierkanthof ein, umstellte das Gebäude und sperrte die Umgebung großräumig ab. Der Anfang eines Nervenkriegs. „Er hat herausgeschossen, sobald er jemanden gesehen hat“, hieß es am Einsatzort. Die Situation wurde vom Sprecher der Polizei Niederösterreich als äußerst „explosiv“ bezeichnet. So brenzlig, dass das Bundesheer zur Hilfe gerufen wurde – samt Schützenpanzern.

Alle Versuche mit dem Todesschützen Kontakt aufzunehmen, schlugen fehl. Auch der Versuch, Alois H. (55) mit Hilfe von Angehörigen zu einem Gespräch via Handy zu bringen, verlief ohne Ergebnis. Später drang die Polizei in einen Schuppen des Hofs ein. Dort entdeckten Beamte den Fluchtwagen mit der entführten Geisel. Auch dieser Beamte war tot, das vierte Todesopfer eines sinnlosen Amoklaufs, der viele sprachlos zurücklässt.

Rotes Kreuz trauert um langjährigen Mitarbeiter

„Wir sind alle schwer geschockt“, sagte Bezirksjägermeister Martin Schacherl am Dienstagnachmittag. „Diese Vorkommnisse sind wie aus heiterem Himmel gekommen.“ Denn in Lilienfeld hätten Wilderer zuletzt eine längere „Pause“ eingelegt. „Im Vorjahr gab es nichts in unserem Bezirk.“

Polizeisprecher Johann Baumschlager rang bei einem ersten Informationsgespräch mit Vertretern der Medien sichtlich darum, Fassung zu bewahren. Dann sagte er: „Es ist heute Nacht zu einer unvorstellbaren Bluttat gekommen.“

Rotkreuz-Präsident Willi Sauer erklärte stellvertretend für den Rettungsdienst: „Wir haben mit Johann Dorfwirth einen ganz besonderen Mitarbeiter verloren. Die Rotkreuz-Stelle in Annaberg würde ohne Johann Dorfwirth nicht existieren.“ Auf 7000 Einsatzfahrten in 32 Jahren brachte es Dorfwirth. Am heutigen Dienstag endete der Einsatz des 70-Jährigen tödlich. (TT.com)


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