Am Tag danach: Trauer und Spurensuche in Niederösterreich

Für die Blaulichtorganisationen Österreichs liegt einer der blutigsten Tage der jüngeren Geschichte nur wenige Stunden zurück. Doch während die Angehörigen der Opfer trauern, hat die Spuren- und Motivsuche für Polizei und Staatsanwaltschaft gerade erst begonnen. Fest steht schon jetzt: Der Amokläufer könnte bereits zuvor Verbrechen verübt haben.

Annaberg, Großpriel – Was hat Alois H. (55) zu den Schreckenstaten am gestrigen Dienstag getrieben? Diese Frage beschäftigt am Mittwoch vor allem die Angehörigen seiner vier Opfer. Erste Antworten sollen die Ermittler vor Ort finden. Aufschlüsse erhoffen sich diese von der Sicherung der Spuren an den Tatorten, aber vor allem im Anwesen des Todesschützen.

Seit dem Zugriff Dienstagabend wird das Anwesen in Großpriel nahe Melk akribisch durchsucht. Die Polizei hatte direkt bei der Einfahrt zum Hof eine Sperre errichtet. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft durften die Dutzenden Medienvertreter, die vor dem Vierkanthof Stellung bezogen hatten, nicht auf das Areal. In diesem speziellen Fall geht die Exekutive auf Nummer sicher. Denn fest steht: Der 17. September geht als schwärzester Tag in die jüngere Polizeigeschichte ein.

Erste Erkenntnisse konnte die Polizei bereits am späteren Vormittag präsentieren. „Es wurden Gegenstände im Haus sichergestellt, die auf vorangegangene Straftaten schließen lassen“, sagte ein Polizeisprecher. Ob es sich dabei ausschließlich um Wilderei handelt, konnte der Sprecher nicht sagen, dies „ist Gegenstand der Ermittlungen“. Zu den gefundenen Gegenständen zählen laut Sprecher Johann Baumschlager Langwaffen und mehrere gestohlene Kennzeichen.

Waffen im „dreistelligen Bereich“ sichergestellt

Im Keller des 55-jährigen Mannes wurde außerdem ein „umfangreiches Waffenarsenal im dreistelligen Bereich“ sichergestellt, sagte der stellvertretende Kommandant der Cobra, Oberst Walter WeningerWährend der Belagerung des Hofs war davon ausgegangen worden, dass der Mann über ein beträchtliches Arsenal unterschiedlicher Waffen verfügt. Im Zuge des Einsatzes habe der Mann, dessen verkohlte Leiche kurz nach Mitternacht in einem Geheimbunker in seinem Anwesen in Großpriel im Bezirk Melk gefunden worden ist, von „vielen Waffen“ Gebrauch gemacht“, schilderte Weninger.

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Zahlreiche Ermittler des Landeskriminalamtes und der Tatortgruppe sind im Haus immer noch im Einsatz. „Noch laufen in dem Gebäude die Ermittlungen“, erklärte die Polizei. Mittels DNA wird nun auch geklärt, ob es sich bei dem in dem Gebäude entdeckten Toten tatsächlich um den Schützen handelt. Die Polizei geht jedoch „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ davon aus. Die Leichen der Opfer werden obduziert, die sichergestellten Projektile analysiert. Angehörige des Wilderers haben den Leichnam des 55-Jährigen bereits identifiziert.

Aber nicht nur die Tat und der Todesschütze stehen heute im Mittelpunkt des Interesses. Auch der Polizeieinsatz selbst werde untersucht. Das kündigte Konrad Kogler, Generaldirektor für öffentliche Sicherheit an.

Man habe die Gefährlichkeit des Täters nicht unterschätzt, zeigte sich Kogler überzeugt. Da in der Gegend bereits ein Mordversuch auf einen Jäger verübt worden war, sei auf das Einsatzkommando Cobra zurückgegriffen worden. „Es hat sich gezeigt, dass diese Einschätzung richtig war.“

Ob der Mordversuch von dem gesuchten Hirsch-Wilderer verübt worden war – und ob es sich dabei um den 55-Jährigen gehandelt habe, müsse noch geklärt werden, unter anderem durch ballistische Untersuchungen.

„Kein typisches Täterverhalten“

Besonders hob Kogler das untypische Verhalten des Schützen hervor: „Der Verdächtige hat kein typisches Täterverhalten gezeigt“, führte Kogler aus. Ungewöhnlich sei, dass er sich nach dem ersten Angriff nicht vom Tatort entfernt habe. Mehrere Polizisten hatten sich um ihren angeschossenen Kollegen gekümmert (der später in der Klinik seinen Schusswunden erlag) und Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt. Der Verletzte wurde aus dem Gefahrenbereich hinter ein Fahrzeug gebracht und auch das angeforderte Rettungsauto hätte als Barriere dienen sollen.

Doch bereits beim Zufahren der Ambulanz, die eindeutig als Sanitätsfahrzeug zu erkennen war, schoss Alois H. ganz gezielt auf Höhe des Fahrers durch das Fenster. Das Projektil traf den 70-jährigen Sanitäter tödlich.

„Gestern war ein sehr fordernder Tag – es ist einmalig in der Zweiten Republik, dass an einem Tag drei Polizisten und ein Sanitäter getötet wurden“, beklagte der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit den hohen Blutzoll. Betonte aber, dass das weitere Vorgehen sehr professionell erfolgt sei, vom Versorgen der Verletzten über die Peilung bis hin zur Hausdurchsuchung. Mit viel Augenmaß seien immer die nächsten Schritte gesetzt worden, auch um mögliche Geiseln nicht zu gefährden.

„Es hat sich gezeigt, wie professionell die Polizei und das Einsatzkommando Cobra arbeiten“, lobte Kogler die Beamten, die in einem emotionalen Ausnahmezustand kühlen Kopf bewahren mussten. Auch die Zusammenarbeit – pro Jahr leistet die Eliteeinheit in Tausenden Fällen Unterstützung – habe klaglos funktioniert. „Es gibt einen großen Team-Gedanken von beiden Seiten.“

Das weitere Vorgehen beschrieb Kogler nur kurz: „Jetzt werden die kriminalpolizeilichen Erhebungen durchgeführt, bevor der Fall an die Staatsanwaltschaft geht. Parallel wird das Evaluierungsverfahren (des Einsatzes, Anm.) gestartet und entsprechende Schlüsse daraus gezogen.“

Dabei gehe es nicht nur um etwaige Fehler, sondern auch darum, was trotz der tragischen Ereignisse besonders gut gelaufen ist. Dies wolle man mitnehmen und „in die Ausbildung einfließen lassen“, erläuterte der oberste Polizist Österreichs.

Eine lückenlose Aufarbeitung der Schreckenstat steht nun im Fokus aller Beteiligten. Auch weil man dies den Angehörigen der Opfer schuldig ist. In der Heimatgemeinde des Täters herrschte am Mittwoch Fassungslosigkeit und Unverständnis. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) traf Angehörige der Opfer, denen ihr tiefes Mitgefühl gilt. Für die Hinterbliebenen gibt es psychologische und finanzielle Unterstützung. (tt.com, APA)


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