Ministerin zu Kritik an Polizei-Einsatz: „Besserwisserei unerträglich“

Nach der Bluttat in Niederösterreich kommen immer neue Details ans Licht. Offenbar hat Alois H. nur sechs angemeldete Waffen besessen.

Großpriel – Die Ermittler müssen sich nach dem Vierfachmord in Annaberg (Bezirk Lilienfeld) in Niederösterreich mit dem im Haus des Schützen Alois H. gefundenen Waffenarsenal auseinandersetzen. Die Polizei hat rund 100 Langwaffen, zahlreiche Faustfeuerwaffen samt Munition, Jagdzubehör und unzählige Trophäen entdeckt. „Es ist noch unheimlich viel aufzuarbeiten“, sagte die Leiterin der Staatsanwaltschaft St. Pölten Michaela Schnell. „Da steckt viel Arbeit dahinter.“ Die Untersuchung werde einige Wochen in Anspruch nehmen.

„Jede einzelne dieser Waffen gehört begutachtet. Die individuellen Seriennummern werden mit jenen abgeglichen, die in den vergangenen Jahren bei mehreren Einbrüchen und Brandlegungen in Jagdschlössern und -häusern entwendet wurden“, sagte NÖ Polizeisprecher Johann Baumschlager. Außerdem werden im Landeskriminalamt Spuren verglichen und Schussbilder analysiert.

Nur sechs Waffen legal besessen

Das Waffenarsenal des 55-Jährigen „übersteigt zweifelsohne jeden erlaubten Rahmen um ein Vielfaches“, sagte Franz Polzer, Chef des Landeskriminalamts. Eine solche Anhäufung sei nur als offiziell angemeldete Sammlung rechtens. Wie die APA anderweitig erfuhr, soll der Wilderer nur sechs seiner Waffen legal besessen haben.

Diesen Informationen zufolge besaß der 55-Jährige einen Waffenpass und eine Waffenbesitzkarte. Alle bisher gesichteten Schusswaffen aus dem Besitz von Alois H. sollen blitzblank geputzt und gepflegt gewesen sein. Von Ermittlern wird der Mann als klassischer Einzeltäter eingeschätzt, Hinweise auf einen Waffenring gebe es jedenfalls keine.

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Einen Mittäter im einen oder anderen Fall könne er noch nicht ausschließen, sagte Polzer dazu. „Es kann schon sein, dass man damals geglaubt hat, da steckt eine ganze Kohorte dahinter, und in Wahrheit war es nur einer“, beantwortete er eine Frage nach einer umfangreichen Serie von Einbrüchen und Diebstählen, teilweise mit anschließender Brandstiftung, in Jagdhütten, -häuser und -schlösser im südlichen Niederösterreich bis in die Steiermark, die schon seit Ende der Neunziger-Jahre die Polizei beschäftigen und die nicht nur von den Medien meist einer „Bande“ zugeschrieben wurden.

Alois H. dürfte auf seiner Flucht einen Streifschuss durch die Polizei erlitten haben. Laut Staatsanwältin Schnell wurde der 55-Jährige im Bauchbereich nicht lebensgefährlich verletzt, wie die Obduktion ergab. Die Obduktionen der Opfer waren noch nicht abgeschlossen, so Schnell.

Ministerin weist Kritik zurück

Unterdessen wies Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) geäußerte Kritik am Verhalten der Polizei bei dem Einsatz gegen den Wilderer im Bezirk Lilienfeld zurück. „Angesichts der kaltblütigen Ermordung von vier Einsatzkräften halte ich diese Besserwisserei für unerträglich“, sagte der Politikerin bei einer Angelobung bzw. Ausmusterung von 187 Polizeischülern in Wien. Mikl-Leitner hat am Mittwoch die Familien der getöteten Polizisten besucht, um ihnen ihr Mitgefühl auszudrücken und seelischen Beistand zu leisten.

Alois H. hat in der Nacht auf Dienstag bei Annaberg im Bezirk Lilienfeld drei Polizisten und einen Rot Kreuz-Sanitäter erschossen, die auf der Jagd nach einem Wilderer waren. Nach stundenlanger Polizeibelagerung seines Wohnhauses in Großpriel bei Melk legte er dort in einem Geheimbunker Feuer und tötete sich durch einen Kopfschuss selbst. (APA)


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