„Costa Concordia“-Kapitän Schettino beschuldigt Steuermann vor Gericht

Die Bergung der „Costa Concordia“ kommt voran. Und auch die juristische Aufarbeitung des Unglücks nimmt Fahrt auf: Der Prozess gegen Unglückskapitän Schettino geht in die nächste Runde.

Kapitän Francesco Schettino muss sich wegen der Havarie der "Costa Concordia" vor Gericht verantworten.
© REUTERS/Giampiero Sposit

Grosseto – Der Prozess zum Unglück der „Costa Concordia“ gegen Kapitän Francesco Schettino ist nach der Sommerpause fortgesetzt worden. Schettino betrat am Montagmorgen mit seinen Anwälten ohne Kommentar das Gericht im italienischen Grosseto. Der 52-Jährige sitzt als Einziger wegen der Havarie auf der Anklagebank. Schettino äußerte sich zum ersten Mal selbst im Prozess - und erhob Vorwürfe gegen den Steuermann. Der Indonesier habe seine auf Englisch gegebenen Anweisungen nicht verstanden und einen gravierenden Fehler beim Manöver zur Verhinderung des Zusammenstoßes mit dem Felsen gemacht. Außerdem habe der Steuermann mit einer Verspätung von 13 Sekunden auf eine Anweisung reagiert.

Die Verteidiger Schettinos sprachen zudem von „gravierenden technischen Mängeln“ an Bord des Schiffes, vor allem in Bezug auf Sicherheitskorridore und den Stromgenerator. Eine Woche nach dem Aufrichten des Kreuzfahrtschiffs vor der Insel Giglio hofft die Verteidigung nun darauf, dass Gutachter auf dem Wrack auf neue Spurensuche gehen dürfen.

Die „Costa Concordia“ war im Januar 2012 vor Giglio auf einen Felsen gelaufen und teilweise gesunken. 32 Menschen starben bei dem Unglück.

Gutachter soll Wrack untersuchen

Das Schiff war Anfang der vergangenen Woche in einer spektakulären Aktion wieder aufgerichtet worden. Das bringt auch Bewegung in den Prozess gegen Schettino. Seine Anwälte und zivile Nebenkläger hatten schon vor der Sommerpause beantragt, eigene Gutachter auf das Wrack zu schicken - was nach dem Aufrichten auch möglich wäre, wie die Anwälte am Montag betonten.

Die Verteidigung hofft, dort Beweise dafür zu finden, dass Schettino nicht der Alleinschuldige für das Unglück ist. Wann das Gericht über den Antrag entscheidet, war zunächst unklar. Der 52-jährige Schettino gilt bislang als Hauptverantwortlicher für die Havarie. Er muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung sowie dem Verlassen des Schiffs verantworten.

400 Zeugen, 250 Nebenkläger

Bis zum kommenden Freitag sind täglich Anhörungen angesetzt, ein Urteil wird jedoch erst in einigen Monaten erwartet, bis dahin sollen mehr als 400 Zeugen gehört werden. Schettino nimmt persönlich an allen Prozesstagen teil. Rund 250 Nebenkläger sind zugelassen, darunter auch die Reederei „Costa Crociere“ und die Gemeinde Giglio. Es wird erwartet, dass sich der Prozess über mehrere Monate hinzieht, ein Urteil könnte im Sommer 2014 fallen.

Bereits im Juli wurden ein Reedereivertreter und vier Besatzungsmitglieder zu Haftstrafen zwischen 18 und 34 Monaten verurteilt. Sie hatten sich mit der Staatsanwaltschaft ohne Prozess auf ein Strafmaß geeinigt. Die Reederei Costa Crociere, Betreiber des Kreuzfahrtschiffs, hat ihre Mitverantwortung anerkannt, da mehrere Angestellte des Unternehmens für das Unglück verantwortlich gemacht werden.

Arbeiten am Wrack gehen voran

Unterdessen gehen nach dem Aufrichten des Schiffs die Vorbereitungen für das Abschleppen des fast 300 Meter langen Kreuzfahrtkolosses weiter. Experten überprüfen den Zustand des Wracks. Auch die Suche nach den zwei noch vermissten Opfern der Katastrophe soll diese Woche beginnen. Rund um das Wrack wurden Plastikbarrieren gezogen, die verhindern sollen, dass Treibgut ins offene Meer gelangt. Unzählige Koffer, Rucksäcke und auch Spielsachen wurden bereits aus dem Schiff gespült und von einer Firma aufgesammelt.

Unklar bleibt, in welchen Hafen das Kreuzfahrtschiff zum Abwracken geschleppt wird. Als Favorit gilt die Toskana-Stadt Piombino, aber auch Palermo oder ausländische Häfen sind im Gespräch. Die Zeitung „La Repubblica“ brachte jetzt eine weitere Möglichkeit ins Spiel: Das stark beschädigte Wrack könnte von dem Transportschiff „Vanguard“ in einen weiter entfernten Hafen gebracht werden, beispielsweise in Asien. Doch bis die „Costa Concordia“ vor Giglio verschwindet, werden noch einige Monate vergehen: Erst im Frühjahr oder Sommer kommenden Jahres soll das Wrack weggeschleppt werden. (dpa, APA, tt.com)


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